• Julia Moldenhauer

Kunstvoll - Entschleunigend - Einzigartig



Zum Titel


Das Buch „Willkommen im Tal der Tränen“ von Noëmi Lerch wurde 2019 ersrtmals veröffentlicht. Es erschien in deutscher Sprache im Verlag Die Brotsuppe. Das Buch umfasst 283 Seiten.

Zur sehr besonderen, hochwertigen Ausstattung gehören neben dem bedruckten Leineneinband und dem Lesebändchen die zahlreichen Illustrationen des Künstlerduos Walter Wolff, hinter dem sich Alexandra Kaufmann und Hanin Lerch verbergen.

Das Buch kam im März 2022 zu mir, der Verlag hat es mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt.



Zum Inhalt


Drei Männer verbringen den Sommer auf der Alp, sie haben die Kühe heraufgebracht. Der Lombard und Zoppo sind eingespielt, melken, käsen, die Rinder hüten. Der Tuinar ist neu, die Berge sind ihm fremd und so weit vom Meer und seiner Familie, von seinem Zuhause fort zu sein, macht ihm zu schaffen. Er versteht die Sprache der Männer nicht, versteht ihr stoisches Handeln nicht, bleibt ausgeschlossen und fühlt sich doch als Teil dieser Zweckgemeinschaft. Als Mann für alles wird auch er ein Rädchen im Uhrwerk der Arbeit, wird Teil des Kreislaufs von Leben, Natur, Arbeit und Sterben.


Rezension


So heißen auch die 4 Kapitel dieses höchst ungewöhnlichen Buches. Es ist ein Schmuckstück und doch ist die Besprechung nicht einfach, nicht leicht ist es, das Leseerlebnis für andere verständlich zu machen. Wenn ihr euch darauf einlasst, kann ich euch nichts Geringeres als ein Gesamtkunstwerk versprechen, ich wage zu behaupten, dass ihr so etwas noch nie gelesen habt. Zunächst muss ich auf die Äußerlichkeiten eingehen, denn direkt fiel mir der Duft des Buches auf. Durch viel schwarze Farbe riecht es schwer nach bedruckten Blättern, es duftet nach viel Papier und Buchstaben, als wollte die Geschichte sofort heraus aus den Seiten. Dann bemerkt man den mausgrauen Buchschnitt, der ebenfalls von den vielen schwarzen Seiten herrührt. Denn jede linke Seite ist schwarz bedruckt, mit einer hellen Illustration in der Mitte. Schnörkel, Linien, abstrakt und doch ist etwas zu erkennen, fügt sich in die Geschichte ein. Auf den rechten Seiten, die auch nicht reinweiß sind sondern vielmehr hellgrau, stehen zentral ausgerichtet die kurzen Textpassagen, manchmal bloß ein Satz.

Man könnte sagen, die Autorin stellt nicht allein mit Worten die Emotionen dar, sondern vielmehr mit dem Fehlen von Worten, dem vielen Platz auf den Seiten, der Leere und den Lücken in der Erzählung. Es ist keine wirkliche Handlung zu erkennen, es lässt sich nicht einfach weglesen, dieses merkwürdige Buch, es bremst einen aus und möchte, dass man sich Zeit nimmt, die Ursprünglichkeit und Eintönigkeit bekommt man nur durch langsames Lesen zu spüren, die Stille und die Stimmung. Ich persönlich habe das als sehr angenehm empfunden. Es ist wichtig, dass wenig Text auf den Seiten ist, die Worte müssen sich entfalten, sie brauchen Platz, um wirken zu können, um Bilder heraufzubeschwören, um Tiefe zu erzeugen. Noëmi Lerch schreibt poetisch, sanft, fast verspielt und dabei beeindruckend sprachgewaltig. Mit Lyrik tue ich mich eher schwer, ich suche oft vergeblich den Rhythmus, die Atmosphäre. Nur wenige AutorInnen fallen mir ein, die mich erreicht haben. Na gut, es sind nur drei. Ich würde nicht sagen, dass ich um Lyrik einen Bogen mache, aber ich suche sie eben auch nicht. Was mir bei diesem Genre für Assoziationen in den Sinn kommen sind sperrig, umständlich, kompliziert. Doch diese Art von Lyrik ist zeitgemäß, jugendlich könnte man sagen, ungezwungen. Und doch muss ich zugeben dass es eben eine anspruchsvolle Textform ist, bei der zumindest ich nicht alles beim ersten Lesen erfassen konnte.


Ein überraschendes Werk, herrlich melancholisch und zum Nachsinnen gedacht, ein ganz besonderes Buch, das ich sicher nochmal ganz, ganz langsam lesen werde. Den Literaturpreis der Schweiz im Jahr 2020 hat es absolut verdient, auch mich hat dieses doppelt Kunstvolle - zum einen literarisch und zum anderen grafisch - sehr begeistert.


Zum Verlag


Der 2003 gegründete Verlag Die Brotsuppe hat seinen Sitz in Biel in der Schweiz. Der ungewöhnliche Name drückt Gemütlichkeit, Beisammensein und auch Auseinandersetzung aus, wie man das am Tisch bei einer gut gekochten Brotsuppe erwarten würde. Behaglichkeit, Bodenständigkeit und eine gepflegte Debatte sind hier scheinbar Programm, Glitzer und Glamour gehören nicht zur Mentalität. Schwerpunkt des Verlagsprogramms ist Belletristik, aber auch Bildbände, Philosophie und Kinderbücher sind dabei. Besonderes Interesse gilt Publikationen der Übersetzungen von AutorInnen aus der italienischen und französischen Schweiz. Für "besondere kulturelle Verdienste" wurde der Verlag von der Stadt Biel im November 2021 geehrt.

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