• Julia Moldenhauer

Herzlich – Sympathisch - Hoffnungsvoll



Zum Titel


Der autobiografische Roman „Rätsel – Betrachtung einer Wandlung“ von Jan Morris wurde 1974 erstmals unter dem Originaltitel „Conundrum“ veröffentlicht. 1975 erschien die erste deutsche Übersetzung aus dem Englischen, der Titel damals lautete „Conundrum – Bericht von meiner Geschlechtsumwandlung“. Die vorliegende Ausgabe ist eine Neuübersetzung aus dem Jahr 2020 von Frieda Ellman und ist im Dörlemann Verlag erschienen. Das Buch umfasst 279 Seiten, trägt einen Leineneinband und ein Lesebändchen.

Das Buch habe ich mir letztes Jahr als Mängelexemplar gekauft und selten hat das so zum Buch gepasst.


Zum Inhalt Bereits im Kindergartenalter bemerkte James, dass er sich weiblich fühlt. Je älter er wurde, umso mehr konnte er es in Worte fassen - er, nein sie, war im falschen Körper geboren. Diese Autobiografie erzählt von Gefühlen, Liebe, Sexualität, Respekt, von Familie und Freunden, von Rollenmustern in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Vor allem aber von der Suche nach der eigenen Identität. Es ist einer der ersten Berichte, der nicht ÜBER eine transsexuelle Person und ihre Wandlung von einem Geschlecht zum anderen ist, sondern VON einer Betroffenen. Rezension


Manchmal musste ich wirklich lachen, und dass Jan Morris ihre Erlebnisse teils mit Humor betrachtete macht sie so unglaublich sympathisch und lässt einen nach der letzten Seite mit einem hoffnungsvollen Gefühl zurück. Was für eine wunderbare Frau, die so offen und direkt mit so viel Wärme und Glück auf ihr nicht grade leichtes Leben zurückblickte. Sie sagte ganz klar, dass es nicht für jeden ein Happy-end gibt, doch für sie gab es das und es war schön, sie kennen gelernt zu haben. Diese Lektüre hat mich nachhaltig beeindruckt.

 

"Die Welt konnte von mir glauben, was sie wollte, und eines Tages, dessen war ich mir jetzt sicher, würde ich aus dieser bizarren Verpuppung hervorbrechen, vielleicht nicht gerade als Schmetterling, aber doch eine präsentable Motte."

(S. 189)

 

Die Schriftstellerin verschweigt zwar nicht die schweren Zeiten, die Scham, die Erniedrigung, die Sorgen und die psychischen Belastungen ihrer Transsexualität, doch trotz der vielen verlorenen Jahre hat ihr Roman etwas Tröstliches an sich. Keine Verbitterung ist zu spüren oder irgendein Groll. Es war so schön zu lesen, welchen Rückhalt sie schon früh durch Familie und Freunde erhalten hat und dass Kameraden im Zweiten Weltkrieg oder sogar Fremde, schon bevor sie sich dazu bekannte, ihre weiblichen Charakterzüge an ihr bemerkten und zu schätzen wussten. Hier zeigte sich ihre feine Beobachtungsgabe, die der Beruf als angesehene Reporterin (zum Beispiel über die britische Mount-Everest-Expedition 1953) mit sich brachte.

Es ist manchmal so, dass ich Bücher lese und zwar akzeptiere, dass jemand so fühlt oder mir fremde Erfahrungen gemacht hat, diese aber so weit von meinem Erleben entfernt sind, dass auch das Verstehen weit weg für mich bleibt. Hier war das nicht so! Ich kann nicht behaupten, ich könne mich in irgendeine Art queeren Menschen hineinversetzen oder nachvollziehen, was es vollumfänglich bedeutet, sich zu was-auch-immer zu outen, aber dieser Bericht hat es geschafft, ein "Rätsel" für mich zu lüften und ich glaube, die positive Stimmung des Romans trägt wesentlich dazu bei. Diese Sehnsüchte und Freuden waren für mich greifbar. Ungekünstelt und unaufgeregt ließ die Autorin es mich verstehen. Für mich ist es daher ein literarisches Meisterwerk und mehr noch als transsexuellen Menschen möchte ich es denen empfehlen, die das Glück haben, gleich im richtigen Körper geboren zu sein. Verständnis füreinander ist die Basis für Toleranz.

Erhellend erklärte Jan Morris auch den Unterschied zwischen Geschlecht und Sexualität, dass es ihr um biologische, geistige und spirituelle Weiblichkeit ging. Sexualität ist in der Frage der Identität zweitrangig und so beschreibt sie zwar ihre Versuche, sich sexuell zu orientieren, trennt dies jedoch von ihrem Wunsch, als Frau zu leben. Und selbst, wenn die Gesellschaft eine andere gewesen wäre, selbst wenn sie ihr Frausein hätte frei ausleben können, so wollte sie doch unbedingt diese komplette Wandlung, sie wollte für sich das werden, was einer Frau am nächsten kommt und war nach der Angleichung endlich sie selbst.

 

"Wir zwei würden uns nie wiedersehen, und ich wollte meinem anderen Ich noch ein letztes Mal tief in die Augen blicken, und dann zwinkerte ich ihm zu und wünschte ihm alles Gute."

(S. 231)

 

Zur Autorin Jan Morris wurde 1926 als James Humphrey Morris in Wales geboren. 1949 heiratete James Elisabeth und sie bekamen 5 Kinder zusammen. Sie führten eine für diese Zeit "moderne" Ehe, liebevoll und in gegenseitigem Respekt, mit Freiheiten für beide Seiten. Elisabeth wusste von Beginn an, dass James sich schon lange als Frau fühlte und unterstützte ihn. Ab 1965 unterzog sich die Journalistin und Autorin von Reiseberichten einer Hormonbehandlung und lebte fast 10 Jahre zwischen den Geschlechtern, bis sie 1974 in Marokko eine geschlechtsangleichende Operation vornehmen ließ. Hätte sie sich in England operieren lassen, hätte sie sich zuvor scheiden lassen müssen, denn Frauen durften zu dieser Zeit nicht verheiratet sein. Letztendlich kamen sie um die Scheidung nicht herum, als Morris die Umwandlung amtlich machte, dennoch blieben Elisabeth und Jan, so der neue, neutrale Name, Lebenspartnerinnen und gemeinsame Eltern, bis die Schriftstellerin im November 2020 - kurz nach der Veröffentlichung dieser Ausgabe - mit 94 Jahren starb.

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