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  • AutorenbildJulia Moldenhauer

Bunt - Vielseitig - Inspirierend



Zum Titel


Das Buch „Drag ist Kunst“ wurde 2020 erstmals unter dem Titel “The Art of Drag“ veröffentlicht. Der Originaltext ist von Jake Hall und wurde für die deutsche Ausgabe von Charlotte Milsch aus dem Englischen übersetzt. Diese erschien 2023 im Katalyst Verlag. Die Illustrationen sind Beiträge von Sofie Birkin, Helen Li und Jasjyot Singh Hans.

Das Buch umfasst 141 Seiten und ist im Großformat gedruckt.



Zum Inhalt


Crossdressing gibt es nicht erst seit diesem Jahrhundert, es hat eine lange Tradition, kann man fast sagen. Der Begriff „Drag“ bezeichnet Frauenkleidung und wurde 1870 in einer Einladung erbeten. Wie sich die Bewegung um diese Kunstform rund um die Welt nach und nach entwickelte, wird sehr schön in diesem Buch beschrieben, das Lexikon, Geschichtsbuch und Bildband in einem ist. Mitnichten sind Drags eine Verkleidung, sondern Kunst und somit Philosophie, Protestbewegung und Lebensgefühl zugleich. Wir lernen Ikonen des Crossdressings kennen, manche populär, manche unbekannt, bis wir in der neueren Zeit auf immer mehr bekannte Gesichter stoßen.



Rezension


Was für ein Buch! Als ich es zum ersten Mal in der Hand hielt, war ich beeindruckt. Nein, schockverliebt. Großformatig, wolkenblau, glänzend, schrill, glamourös, bunt, mit pinkem Buchschnitt, verspricht es erfrischende Unterhaltung.

Es steckt viel mehr in diesem Buch als Porträts von DragkünstlerInnen. Der Titel ist ein Statement – Drag ist Kunst! Keine Verkleidung, sondern unglaublich viel mehr. Von der Antike angefangen werden Beispiele des Kleiderwechsels von Mann zu Frau und umgekehrt beschrieben. Die Entstehungsgeschichte liest sich unglaublich interessant, es wird Bezug genommen auf gesellschaftliche Gründe wie das Verbot für Frauen, bei Theaterstücken mitzuspielen, das es nicht nur in Europa gab. Was auf Bühnen jedoch erwünscht war, wurde auf der Straße nicht gerne gesehen und schließlich sogar unter Strafe gestellt – in nicht wenigen Ländern der Welt noch heute.

Einer meiner Lieblingsfilme ist „To Wong Foo, thanks for everything, Julie Newmar“, wenn ihr ihn nicht kennt, solltet ihr das ganz dringend ändern. Patrick Swayze und Wesley Snipes als Dragqueens auf einem Roadtrip quer durch die amerikanische Provinz, er hat mich nicht unerheblich geprägt. Lilo Wanders, Conchita Wurst, Ricardo Simonetti, mal schrill, mal wunderbar schlicht zeigen zumeist männlich Gelesene in Frauenkleidern oder Fantasie-outfits mittlerweile das ganze Spektrum aufregender Styles. Dragqueens und - kings rücken immer mehr ins Rampenlicht, Olivia Jones ist dank ihrer Eloquenz und Intelligenz in mancher Diskussionsrunde im Fernsehen zu bewundern, sie ist - auch in ihrer Kunstfigur - mehr als eine Figur, sie ist ein Individuum, eine starke Persönlichkeit.

Mein Mann und ich versuchen, unsere Kinder vorurteilsfrei zu erziehen. Das bezieht nicht nur Hautfarbe, Religion, Geschlechtszugehörigkeit usw. mit ein, sondern vor allem die kleinen Unterschiede, das Individuelle. Auch, wenn wir etwas wirklich nicht "schön" finden, gestehen wir anderen zu, ihren eigenen Stil zu haben. Nicht jeder findet die gleichen Dinge, Frisuren, Kleidung, Autos und Make-up, schön, Toleranz gehört zum Alltag. Man muss es allerdings vorleben, auch wir bekommen das nicht immer hin. Bücher wie „Drag ist Kunst“ sind daher unglaublich wichtig. Ich empfehle es ausdrücklich schon für ältere Kinder und Jugendliche.

Ein bisschen frivol ist es und durchaus auch einiges an nackter Haut zu sehen, was für mich allerdings kein Grund war, es der 9-Jährigen nicht hinzulegen. Die bätterte mit konzentrierter Miene die 140 quietschbunt illustrierten Seiten durch und kommentierte, wen sie alles schon kennen würde. Mir sagten vielleicht 4 Namen etwas! Scheinbar schaut sie der großen Schwester immer mal über die Schulter, wenn die auf den Social-Media-Kanälen was auch immer anschaut. Sie fand das Buch bunt und schön und nicht verwunderlicher als vieles andere in der heutigen Zeit. Sie hatte viele Fragen, zu einzelnen Drag Queens und deren Vorbildern und überhaupt zu deren Lebensalltag, es interessiert sie, was sie arbeiten, ob sie Familie haben und ob eine Perücke bei einem Handstand haften bleibt. Auch unser Sohn kann mit den meisten Namen etwas anfangen. Er hätte gerne Fotos im Buch gehabt, die gezeichneten Bilder sind natürlich etwas verfremdet und grell. Mein Eindruck dazu ist, dass die Personen aus beispielsweise den 1920ern und 1930ern längst nicht mehr leben, die Fotos teils schwarz/weiß oder in technisch überholter Qualität wären. Durch die Zeichnungen ist es eben kein Geschichtsbuch, sondern ein Kunstbuch und funktioniert so auch eher als Kinder- und Jugendbuch, da die Illustrationen den Zugang erleichtern, wenn man als Kind – oder Erwachsener - noch nicht mit Drags in Berührung gekommen ist.


Sind eure Familienabendessen manchmal ein bisschen langweilig? Es kommt kein anregendes Gespräch mit den muffeligen Teenagern zustande? Dann legt etwa eine Stunde, bevor man sich gemeinsam hinsetzt, dieses Buch gut sichtbar aus. Es entstanden Diskussionen am Abendbrottisch über Idealmaße von Frauen, generell das Frauenbild, über Brüste und Schminke und, ob man als Frau Bart tragen kann. Außerdem darüber, ob auf Brustwarzen geklebte Troddeln Bekleidung sind und überhaupt jugendfrei (der Sohn hat seine Zweifel, die Kleine findet es okay, nicht für jeden Tag aber im Fernsehen sähe man wahrlich Schlimmeres). Warum ziehen sich Männer als Frauen an und umgekehrt? Warum stört das jemanden? Warum lässt man Schönheitsoperationen machen (vor allem Brüste)??

So lebhafte Gespräche schafft nur Kunst. Zum Verlag


Der Katalyst Verlag ist ein Teil des Zuckersüß Verlags, dessen Programmschwerpunkt auf Büchern und Bilderbüchern für Kinder bis 8 Jahre liegt. Die Themen drehen sich um Vielfalt und Diversität, alternative Familienmodelle werden dargestellt. Es sind bestärkende, ermutigende Geschichten, ansprechend illustriert und hochwertig gedruckt.

Durch die Spaltung soll deutlich werden, ab hier ist das Programm nicht mehr nur „zuckersüß“, hier wird sich mit Themen, die das Erwachsenwerden betreffen, auseinandergesetzt. Der Katalyst Verlag richtet sich eher an Jugendliche.

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