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  • AutorenbildJulia Moldenhauer

Obsessiv - Tragisch - Mehrdeutig



Zum Titel


Der Roman „Muttersprache“ von Maddalena Fingerle wurde 2021 erstmals unter dem Titel „Lingua Madre“ veröffentlicht. Die deutsche Ausgabe, von Maria Elisabeth Brunner aus dem Italienischen übersetzt, erschien 2022 im Folio Verlag.

Das Buch umfasst 191 Seiten und trägt einen Schutzumschlag.



Zum Inhalt Paolo wächst in Bozen auf, einer Region, die von Mehrsprachigkeit, Dialekten und Bikulturalität geprägt ist. Über die gesprochene Sprache definieren sich die Menschen, sie ist ein Identitätsmerkmal. Paolos Vater hat die Sprache ganz verloren, er leidet unter Aphasie. Dafür spricht seine Mutter mehr als genug, doch in Paolos Augen verdirbt sie ihm die Worte, macht sie schmutzig. Auch seiner egozentrischen Schwester mag er nicht zuhören. Als der Vater stirbt verlässt Paolo vor Wut, Traurigkeit und Unverständnis das Elternhaus und die "verdorbene" Sprache und beginnt in Deutschland ein neues, befreites Leben mit sauberen Wörtern, er lernte eine junge Frau kennen und geht eine Beziehung mit ihr ein, hat Freunde und einen Job. Als sie schließlich zu zweit in seine Heimat zurückkehren, bricht Paolo unter seinen Zwängen zusammen. Rezension Dies war kein leichtes Buch. Das Ende lässt – zumindest kann ich das für mich so sagen - ratlos und bedrückt zurück. Sich in Paolo hineinzuversetzen ist kaum möglich, die Ich-Perspektive zeigt lediglich sein teilweise sehr wirres Innenleben. Er reflektiert kaum, ist impulsiv und assoziativ. Was zu Beginn noch wie eine Sprach-Obsession wirkt stellt sich nach und nach als handfeste Psychose heraus und das hat es für mich sehr komplex wirken lassen, denn Vieles, was in Paolos Kopf kreist, ist für mich vollkommen unverständlich. Maddalena Fingerle ist selbst in Bozen in Südtirol geboren und hat in diesem dünnen Roman einige zeitgeschichtliche und sozialpolitische Andeutungen eingewoben, beispielsweise den italienischen Faschismus betreffend. Im Anhang hat die Übersetzerin zahlreiche Quellenverweise zu Zitaten aufgeführt, die - ich habe es nicht überprüfen können - im italienischen Original fehlen sollen. Maria Elisabeth Brunner erläutert ebenso die Bedeutung Namen, die als Anagramme zu lesen sind. Dies ist also nicht einfach ein Roman, eine Geschichte, sondern ein literarisches Konstrukt, das auch verschiedenen Ebenen zu lesen und zu deuten ist, um es vollumfänglich einzuordnen. Ich lese ein Buch in erster Linie wegen der Geschichte, die mein Interesse weckt, in zweiter Linie ist die Sprache entscheidend, um mich für die Geschichte über die Dauer der Geschichte zu begeistern. Mir fällt eine Einschätzung dieses vielfach prämierten Buches unglaublich schwer, denn sprachlich ist es wirklich einzigartig und vielschichtig, der Verlauf ist tragisch, es ist einnehmend und tiefsinnig. Doch hadere ich mit beidem. Ich habe keinen Zugang zum Protagonisten finden können, womöglich aufgrund der Erzählperspektive, die mir keine Erklärungsversuche bietet, angefangen mit "schmutzigen Wörtern". Hinzu kommt, dass ich mich durch die verwendete Sprache und Wortwahl weder auf die Hauptfigur noch auf die Handlung einlassen konnte. Fast kann man den Text wie einen Bericht lesen, kurze Sätze, fehlende Wörtliche Rede. Mir fehlten die zarten Töne, im Gegenteil lässt die Autorin Paolo vor allem seiner Mutter und Schwester gegenüber nur abwertende Worte verwenden, die derben Formulierungen und das Betiteln, ohne eine verständliche Ursache seiner Trigger geliefert zu bekommen, lässt mich unzufrieden und ratlos nach der letzten Seite zurück.



Zum Verlag


1994 entstand aus einem zwei Jahre zuvor gegründeten Buchbüro für Projektmamagement und Übersetzungen in Bozen und Wien der Folio Verlag. Zentrales Anliegen des Verlags ist es, zum kulturellen Austausch beizutragen und unterschiedliche Ethnien und Sprachen darzustellen, ihre Konflikte, aber auch ihre Gemeinsamkeiten. Den Programmschwerpunkt bilden Reise- und Sachbücher über den Südtiroler Raum, aber auch ausgewählte Belletristik.

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