• Julia Moldenhauer

Impulsiv – Verworren - Metafiktional



Zum Titel


„Cordula killt Dich! Roman der Auferstehung“ von Dietmar Dath wurde 1995 erstmals veröffentlicht, es war das erste publizierte Buch des Verbrecher Verlags. Die von mir gelesene ist die überarbeitete und um eine Zusatzgeschichte ergänzte Ausgabe, sie erschien 2021. Das Buch umfasst 375 Seiten.

Das Buch hat meine Aufmerksamkeit auf der Frankfurter Buchmesse im Herbst 2021 erregt, es war ein Titelkauf.



Zum Inhalt


Die WG und der Freundeskreis der Komponistin Cordula Späth steht unter Schock, Selbige stürzt - vermutlich unbeabsichtigt - aus dem Fenster und stirbt. Katja, Dietmar, Wolfgang und Barbara aus Mainz müssen mit dem Verlust der Freundin/Mitbewohnerin/Geliebten irgendwie umzugehen lernen, jeder auf seine Art. Dann landet Wolfgang auch noch auf der Intensivstation.... Sollte Cordula besser doch nicht gestorben sein? Rezension Mein erster Gedanke nach 20 Seiten: Sag mal wie redet der eigentlich mit mir?! Ich bin ein totaler Sprachnerd, die Wortwahl kann alles ausmachen - aber auch die beste Geschichte zugrunde richten. Dietmar Dath wirft großzügig mit Unflätigkeiten um sich, das fiel mir als erstes auf. Struktur ist auch nix, was man ihm vorwerfen kann. Aber der Text wäre vermutlich unerträglich, wäre er normal geschrieben, also den Gesetzen der Grammatik, Rechtschreibung und Semantik folgend.

Hinter dem Gepolter an der Oberfläche nimmt der Autor tatsächlich einiges auseinander, melancholisch und genau schaut er auf Trauer und Vergänglichkeit. Die Tiefsinnigkeit ist etwas versteckt hinter der impulsiven und fahrigen Geschichte, er schreibt wie es grade kommt. Nachdruck verleiht er dem Ganzen mit eingebauten Songtexten, an anderen Stellen verwendet er Zitate oder auch ganze Textpassagen aus der Literatur, die ihn inspiriert haben. In seiner Geschichte spielt er auch selbst eine Rolle, ich konnte nicht auseinanderdividieren, was echt ist und was falsch, aber wie schreibt er selbst auf Seite 33…

 

"Lassen wir die Wahrheit hinter uns und erzählen statt dessen, was geschah."

 

Und während ich mich manchmal frage, ob das noch Abschweifung ist oder ob mir wer unbemerkt das Buch ausgetauscht hat, mischt sich der Autor selbst ein und ermahnt sich (oder auch mich!) am Ball zu bleiben. Das hat mich sehr an die Mythenmetz'sche Abschweifung erinnert, die allerdings erst 5 Jahre nach "Cordula killt Dich" von Walter Moers in "Ensel und Krete" beschrieben wird und Leser vermutlich in den Wahnsinn treiben sollte. Trotzdem ist diese metafiktionale Ebene, also das Einmischen in das eigene Werk, um den Einfluss des Autors auf das Geschehen zu verdeutlichen, in diesem Buch von besonderer Bedeutung. Was bei Moers ein Stilmittel ist und Abwechslung bringen soll, ist bei Dath ein wesentlicher Punkt, zumindest habe ich es so empfunden. Schreibt sich die Geschichte selbst? Folgen AutorInnen einfach sprunghaft den Ereignissen? Manchmal verlieren sie die Kontrolle, Ideen bleiben in Sackgassen stecken oder es werden Figuren sterben gelassen, die sich später für die Handlung als essentiell erweisen. Dath zeigt, dass einE AutorIn alles kann, alles darf. Auch Fehler machen, sogar Fehler rückgängig machen. Das Unmögliche möglich machen. Er fordert dazu heraus, Denkgrenzen zu überwinden. Das Buch geht so über das reine Lesen hinaus, es ist Kunst, es drückt sich aus. Es ist eine Erfahrung. Teilweise ist es kaum lesbar, mal aneinandergereihte Adjektive, dann wieder wechseln sich Fachbegriffe und Schimpfworte ab. Vermittelt wird einem aber eben in der Gesamtheit mehr als der Inhalt der Worte, es geht um die Entstehung des Werkes und um den Mensch, der Kunst schafft, Literatur, Musik. Trotz aller Verwirrung und der Tatsache, dass mich die Handlung immer wieder rausgeschmissen hat, bin ich von dem Buch sehr angetan. Sprachlich ist es insgesamt eine anspruchsvolle Begegnung der dritten Art, aber es sind auch Sätze zu finden, die sitzen wie angegossen. Das Ende - beide Enden quasi - haben mich letztendlich abgeholt. Es ist kein Buch, das man "mal so liest" als "netten Schmöker". Wenn man sich das erhofft, bringt es einen auf die Palme. Wer aber mal etwas Anderes lesen will, sich ordentlich von einem Buch hin- und herwerfen lassen möchte und sich gründlich abarbeiten will, dem kann ich nur dazu raten. Zum Verlag Der Name "Verbrecher Verlag" sollte eigentlich ein Scherz sein, eigentlich war der ganze Verlag nicht ernst gemeint. Werner Labisch und Jörg Sundermeier gründeten ihn 1995, um an Manuskripte zu kommen, sie tatsächlich zu veröffentlichen war nicht geplant, sie wollten sie nur lesen. Doch bereits unter den ersten Zusendungen fand sich Vielversprechendes und so wurde aus Spaß ein ernstzunehmender Verlag mit einem breiten Verlagsprogramm. Seit 2016 leitet Sundermeier den Verlag gemeinsam mit Kristine Listau. Der Schwerpunkt liegt auf der Belletristik, zudem veröffentlicht der Verbrecher Verlag Bücher aus dem Bereich Sachbuch und Politik zu Themen wie Nationalsozialismus, Rechtsextremismus, aber auch zur Theorie der Kulturindustrie, zu Film- und Musikgeschichte und vielem mehr. Besonders ins Auge fielen mir zuerst die kantige Optik und die oft farbenfrohen Cover ohne Illustrationen, Titel und AutorIn in Großdruck, simpel, einheitlich, sofort erkennbar als Verlagserzeugnis der "Verbrecherei", ebenso das Logo mit den zwei Strichmännchen von denen einer dem anderen eine Pistole vorhält.

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