• Julia Moldenhauer

Entschleunigend - Archaisch - Ungewöhnlich



Zum Titel


Der Roman „Der schwarze Storch“ von Ilse Molzahn wurde 1936 erstmals veröffentlicht. Die vorliegende Ausgabe ist eine Neuauflage aus dem Frühjahr 2022, erschienen im Wallstein Verlag. Das Buch umfasst 376 Seiten, wobei der Roman 250 Seiten einnimmt. 120 Seiten umspannend ist das Nachwort des Herausgebers Thomas Ehrsam (mehr dazu in der Rezension).

Das Buch wurde mir vom Wallstein Verlag freundlicherweise als Leseexemplar zur Verfügung gestellt. Zum Inhalt Schauplatz ist ein Gutshof in Ostpreußen um 1900. Katharina, die Tochter des Gutshofbesitzers - sie wird etwa 6 Jahre alt sein, denn steht kurz vor der Einschulung - ist die Erzählerin. Sie hält sich lieber beim Gesinde auf, das ihr wohlgesonnen ist. Katharina, von den meisten "Kater" genannt, ist ein Wirbelwind. Da der Vater gern einen Sohn gehabt hätte, lacht er über schmutzige Kleider und strubbelige Haare, doch die fromme Mutter ist wenig verständnisvoll, Katharina soll sich angemessen benehmen und keinen freundschaftlichen Umgang mit dem niederen Personal pflegen. Als sich ein schwarzer Storch auf dem Hof niederlässt, wird dies als böses Omen gedeutet und tatsächlich gehen plötzlich Dinge vor sich, die sich das Mädchen nicht ganz erklären kann. Sie hat jedoch ihre Ohren überall, und auch wenn es sich nicht geziemt Erwachsenen unbequeme Fragen zu stellen, Katharina möchte wissen, warum zum Beispiel das von ihr geliebte Dienstmädchen plötzlich den Hof verlassen muss und warum Erwachsene eigentlich nie die Wahrheit sagen. Und dann hat sie sich auch noch unsterblich verliebt...

Rezension Ein Buch aus Sicht eines Kindes zu schreiben ist eine heikle Sache. Wenn es sich an Kinder richtet, darf es ruhig kitschig und romantisierend sein, bei Belletristik für Erwachsene wirkt diese Perspektive meiner Erfahrung nach schnell aufgesetzt, die Wortwahl übertrieben. Es ist ein großes Glück, dass Ilse Molzahn als Erwachsene die Gefühle und Unklarheiten ihrer Kindheit so gut erinnert hat und nachempfinden konnte, ihr biografisch geprägter Roman ist von der ersten bis zur letzten Seite authentisch. Ich habe mich direkt in das schöne Cover verliebt und mich im Vorfeld nicht eingehender mit dem Titel auseinandergesetzt. Mir war daher nicht bewusst, dass es sich hierbei um eine Neuauflage handelt. Doch gleich zu Beginn der Lektüre fiel mir auf, dass ich wohl ein altes Buch in der Hand halte, denn die Sprache ist, da der Roman auf Deutsch veröffentlicht wurde und nicht neu übersetzt werden musste, "naturbelassen". Der Klang ist altmodisch, so wie die Geschichte eine aus vergangener Zeit ist, beides ist durchaus als Kompliment gemeint, denn es ist in sich stimmig. Tatsächlich wurde das Werk - nach einigen Jahren Schreibarbeit mit Pausen und anderen Veröffentlichungen dazwischen - 1936 gedruckt, die Autorin war zu diesem Zeitpunkt 41 Jahre alt und hat ein interessantes Zeitzeugnis der vorigen Jahrhundertwende erschaffen. Was ich hier positiv hervorheben möchte ist, dass es eben kein Epos, keine Familiengeschichte ist, wie man es sonst über die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg kennt, nein, wir bleiben ganz bei dem kleinen Mädchen und ihren Erlebnissen innerhalb eines überschaubaren Zeitfensters und einer überschaubaren Anzahl an Figuren. Auch wenn die Geschichte über 80 Jahre alt ist und die Handlung sich in einer ländlichen Umgebung auf einem Gutshof abspielt, wo die scharfe Trennung von Herrschaft und Gesinde eines der Kernthemen ausmacht, empfand ich "Der schwarze Storch" als zeitlos. Damals wie heute unterscheidet sich die Welt eines Kindes von der Erwachsenenwelt. Seine Wahrnehmung, welche Worte es überhaupt für Dinge finden kann, mit denen es konfrontiert wird, ist unserer aufgeklärten Art zu denken fern. Dieser Kindheitsroman erweitert die Sicht um die Eindrücke eines Kindes, das sich Vieles noch nicht erklären kann und die Lücken teils durch magisches Denken, teils Träumereien auffüllt. Sinnbild hierfür ist der schwarze Storch, Aberglaube spielte zu dieser Zeit generell noch eine viel größere Rolle, zudem gab es, nicht nur gegenüber Kindern, reichlich Tabu-Themen, über die nicht gesprochen wurde. Ilse Molzahn ist es beeindruckend gelungen, ihre Ängste, Sorgen und Gefühle aus der Kindheit zu rekonstruieren und auf für mich bislang einzigartige Weise in einen vielseitigen Roman zu verpacken. Zwischen Kater und Ilse bestehen zu großen Teilen biografische Übereinstimmungen. Dem Roman hängt ein umfangreiches Nachwort des Herausgebers Thomas Ehrsam an, anhand dessen aufgeklärt wird, was in "Der schwarze Storch" wahren Begebenheiten entsprungen ist und was hinzugedichtet wurde. Es enthält eine fundierte Biografie Ilse Molzahns, ergänzt durch Zitate oder ganze Abschnitte aus ihrem Schriftverkehr und liest sich ebenso spannend, wie die Geschichte.

Ein großes Glück, dass dieses außergewöhnliche Stück Literatur in dieser tollen Aufbereitung wieder Leserinnen und Lesern zur Verfügung steht! Zum Verlag Der Wallstein Verlag wurde 1986 gegründet und hat seinen Sitz in Göttingen. Im Programm erscheinen jährlich etwa 130 Bücher. Darunter sind Sachbücher aus den Bereichen Literaturwissenschaft, Philosophie, Geschichte und im Speziellen Wissenschaftsgeschichte. Einen hohen Stellenwert haben im Wallstein Verlag Werke zur Erforschung des Nationalsozialismus, des Völkermordes an den europäischen Juden und zur frühen Bundesrepublik. Seit 2005 wird das literarische Programm von Wallstein, neben Editionen mit Texten des 20. Jahrhunderts und einer Vielzahl kommentierter Wiederauflagen der deutschen Literatur, mehr und mehr durch Gegenwartsliteratur ergänzt

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