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  • AutorenbildJulia Moldenhauer

Abwechslungsreich – Strukturiert – Unterhaltsam



Zum Titel


Der Roman „Der Minister“ von Stefan Bošković wurde 2020 erstmals unter dem Titel „Ministar“ veröffentlicht. Die deutsche Übersetzung erschien 2022 im eta Verlag, aus dem Montenegrinischen von Elvira Veselinović. Das Buch ist ein hochwertiges Hardcover und umfasst 202 Seiten.



Zum Inhalt


Valentino Kovačević ist erst seit kurzem Kulturminister von Montenegro und dies soll auch nur eine Zwischenstation auf dem Weg nach oben für ihn sein. Ihm schwebt etwas von internationaler Relevanz vor. Schon sieht er sich jedoch mit einer Kette unseliger Verwicklungen konfrontiert. Beginnend mit dem Unfalltod der jungen Künstlerin Jelena, für den er mitverantwortlich gemacht wird, rauscht er innerhalb von neun Tagen in immer mehr groteske, tragische und bedrohliche Situationen. Ist er nur eine Marionette in einem Spiel?



Rezension


Dies ist eins der Bücher, die der Grund dafür sind, dass ich unabhängige Verlage liebe. Ein Roman aus und über Montenegro, der teilweise in Aserbaidschan spielt, ist schon ein absolutes Ereignis und eine große Bereicherung meiner Leseerfahrung. Und dann ist da natürlich die Erzählweise, die ihresgleichen sucht.

Wir begleiten den sympathischen aber ordentlich verplanten und naiven Kulturminister Valentino an 9 filmisch erzählten, schicksalhaften Tagen. Auf nur 202 Seiten lernen wir somit angenehm chronologisch eingerahmt ihn und seine Eltern kennen, seinen wunderbaren, besorgten und fürsorglichen Vater, seine pflegebedürftige, demente Mutter, mit der Kommunikation so gut wie nicht mehr möglich ist. Die Hauptfigur wird den Lesenden vertraut gemacht, wir leiden mit ihm, fühlen sein schlechtes Gewissen, seine Hilflosigkeit, beurteilen ihn allerdings auch.

Die Handlung ist gelegentlich unterbrochen durch tagebuchähnliche Einträge mit Hashtags, Briefen und Interviewaufzeichnungen, die die Ich-Erzählung noch vielseitiger gestalten und komplettieren. Anhand dessen wird deutlich, wie sehr Valentino mit dem Scheitern seiner Ehe zu kämpfen hat. Als Journalistin wendet sich seine Exfrau Jasna öffentlich gegen ihn, berichtet über jedes Fehlverhalten, jede Verstrickung, jeden Verdacht. Viel schwerer aber rührt eigentlich die Kränkung, durch einen anderen Mann ersetzt worden zu sein. Hier hat Stefan Bošković sich scheinbar selbst in seinen Roman geschrieben, denn die Hassfigur des Romans – aus Valentinos Sicht – ist Jasnas neuer Lebensgefährte, der Autor Stefan Bošković. Was das zu bedeuten hat, konnte nicht abschließend einordnen und lasse das einfach mal so stehen, möglicherweise soll es den Einfluss der Künstler auf die Politik darstellen, die Verwicklungen und Ränkespiele, auch die persönlichen Komponenten, die über Erfolg und Misserfolg auf beiden Seiten entscheiden.

Und dies ist das eigentliche Thema des Romans, Valentino Kovačevićs Amtszeit als Kulturminister eines kleinen Balkanstaats. Diese ist nicht nur beeinflusst durch die Entscheidungen seiner Vorgänger, die nachwirken und für ihn geltend sind, auch von kirchlichen Würdenträgern und dem politischen Machtgefüge ausgeübter Druck lassen ihm keine Entscheidungsfreiheit, im Gegenteil ist sein Weg und seine Arbeit vorbestimmt und weitgehend der patriarchialen Vetternwirtschaft unterworfen. Wer sich dem nicht fügt, wird fallengelassen – oder Schlimmeres.

Im Laufe des sich zuspitzenden, zunehmend surreal verzerrten und (durch gelegentlich konsumierte Drogen) grotek-phantastisch abdriftenden Romans fragt man sich, ob der unglückliche Protagonist das alles verdient hat, ob er etwas hätte ändern können. Er ist eine tragische Figur, eine sympatische, um Eleganz bemühte Persönlichkeit, die jedoch unaufhaltsam und vorhersehbar dem Abgrund entgegensteuert.

Ich habe mich von diesem Buch und der Geschichte, die Ecken und Kanten aufweist wie ihre Charaktere, sehr gut unterhalten gefühlt. Stefan Bošković schreibt flott, humorvoll, sprachlich aufregend und versiert. Sicher trägt auch die Übersetzung maßgeblich zur Lesefreude bei. Bei allem Humor, aller Tragik und der tollen plastischen Erzählweise entstand jedoch an wenigen Stellen etwas Hektik und mit den Passagen, die durch Orgien und Rauschmittelkonsum realitätsverlustig gingen, konnte ich wenig anfangen, was bei mir generell und immer der Fall ist, nicht nur in diesem Buch. Insgesamt ist es ein unkonventionelles Buch und es zu lesen lohnt sich aus vielerlei Gründen. Zum Verlag Der eta Verlag ist ein 2016 gegründeter unabhängiger Verlag. Ausgangsziel war es, deutsche Übersetzungen zeitgenössischer bulgarischer Literatur zu veröffentlichen. Hinzu kamen dann schnell auch andere südosteuropäische Entdeckungen, da der Verlag den Nachholbedarf für deutsche Leserinne und Leser sah. Dank des Engagements des Verlags und der unermüdlichen Arbeit verschiedener Übersetzerinnen und Übersetzer wurden zahlreiche im Heimatland anerkannte und preisgekrönte Werke aus Serbien, Kroatien, Bosnien und anderen Ländern auf dem Balkan dem deutschen Publikum zugänglich gemacht.

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