• Julia Moldenhauer

Utopisch - Dystopisch - Prophetisch



Zum Titel


Der Roman „Was nicht alles“ von Rose Macaulay wurde erstmals 1919 unter dem Titel "What not. A Prophetic Comedy" veröffentlicht. Diese Ausgabe erschien 2022 im Aviva Verlag und ist die deutsche Erstübersetzung. Aus dem Englischen übersetzt und herausgegeben wurde das Buch von Josefine Haubold. Das Nachwort ist ebenfalls von ihr.

Es umfasst 277 Seiten, trägt ein Lesebändchen und ein hochwertig bedrucktes Hardcover, das ohne Schutzumschlag auskommt.

Das Exemplar hat mir der Verlag zur Verfügung gestellt. Zum Inhalt Es ist die Zeit nach dem sogenannten Großen Krieg. Die Regierung ist bemüht, das Land wieder auf die Beine zu bringen und aus Fehlern zu lernen - am besten werden erst gar keine Fehler mehr begangen! Ein Ministerium für Verstand wird gegründet und Mithilfe von Propaganda, Manipulation und rigorosen Konsequenzen soll die Bevölkerung intelligenter gemacht werden. Heiraten darf man lediglich innerhalb eines ausgeklügelten Systems - nicht etwa aus Liebe - und wer mit einem nicht als geeignet zertifizierten Partner Kinder bekommt, muss mit hohen Strafen rechnen. Es dauert erwartungsgemäß nicht lange, bis sich Unmut auf den Straßen regt und auch im Ministerium selbst zeigt sich nach und nach, dass die menschliche Natur ihre eigenen Gesetze macht. Rezension "Was nicht alles" entstand während des Ersten Weltkrieges. 1918 war es bereits gebunden, da bedurfte es doch noch einer Änderung, so dass es letztendlich erst 1919 veröffentlicht wurde, nach Ende der Kampfhandlungen. Da es keine genauen Zeitangaben macht blieb Rose Macaulay trotz verspäteter Veröffentlichung dabei, es als prophetisch zu bezeichnen. Im Vorwort beschreibt die englische Autorin, man könne in diesen Zeiten nicht immer nur über den Krieg schreiben, doch über die Zeit vor dem Krieg zu schreiben erschien ihr unmöglich. So kam es, dass sie es mit einer "Erzählung nach dem Krieg" versuchte. Das Gedankenexperiment einer Zertifizierung von Verstand und einer damit einhergehenden Kontrolle der auf die Zukunft ausgerichteten geistigen Verfassung der Gesellschaft eines Staates ist Utopie und Dystopie zugleich. Durchaus besitzt das Buch einen utopischen Anteil, eine Gesellschaft voller kluger Köpfe, die in Wohlstand und Frieden lebt und das Land voran bringt ist eine schöne Vorstellung. Eines der Ziele ist es ja weitere Kriege zu verhindern, zu deren Ursache maßgeblich Dummheit zählt. Dennoch handelt es sich natürlich aufgrund der gewählten Mittel wie Propaganda, moralisch verwerfliche Restriktionen und Totalitarismus um eine waschechte Dystopie. Das Ministerium für Verstand mag eine sinnvolle Institution sein, Vorschriften, Gesetze und Resolutionen mögen im Großen einen Sinn machen, ist man jedoch selbst davon betroffen und beeinträchtigt ist es mit dem Verständnis nicht mehr weit her. Der Instinkt des Menschen ist nun mal so beschaffen, dass er nicht selten unvernünftig handelt. Gefühle, das müssen die beiden Mitarbeiter des Ministeriums Kitty Grammont und Nicolas Chester am eigenen Leib erfahren, lassen sich nicht reglementieren, nicht unterdrücken und beiseiteschieben, auch nicht für ein höheres Ziel. Inwieweit darf sich eine Regierung in das Privatleben ihrer Bürger einmischen? Welches Leben ist lebenswert?

Welche Rolle spielt das Glück der Bürgerinnen und Bürger für einen Staat? Rose Macaulay spricht mithilfe von Dialogen ihrer Figuren einige ethische Themen an. Insgesamt ist die von ihr gewählte Erzählperspektive sehr ungewöhnlich, irgendwie undeutlich, nicht greifbar. Anhand von Ivy Delmer, einer kleinen Angestellten des Ministeriums, erfährt der Leser eine einzelne, persönliche und man kann sagen moralisierte Sicht, wobei eigentlich auktorial erzählt wird. Einen solchen Erzählstil habe ich zum ersten Mal gesehen, finde ihn aber ziemlich genial, da er den ProtagonistInnen so viel Raum gibt und gleichzeitig - allerdings wechselnd - parteiisch erscheint. Auch die absurde Inflexibilität der Beamten des Ministeriums wird nicht vom klassischen Erzähler beschrieben, sie zeigt sich anhand der Korrespondenz mit Vorgesetzten und Anträgen von Bürgern, die es zu bearbeiten gilt und ist dadurch umso wirkungsvoller inszeniert. Die Worte "Was nicht alles" beschreiben auf der einen Seite die Resignation, auf der anderen Seite den zunehmenden Widerstand gegen die von der Regierung auferlegten Einschränkungen. Der Untertitel "Eine prophetische Komödie" passt durch das szenenhafte Erzählen ebenfalls. Es ist kein ernstes Werk und kein hoffnungsloses Ende, es ist mit herrlichem Humor und klugem Witz versehen, so dass es mir eine große Lesefreude war. Mit nur einer handvoll Figuren und ihrer Kommunikation untereinander werden die verschiedenen Seiten dargestellt. Es wird sehr detailliert auf die Charaktere eingegangen, wodurch die Handlung gelegentlich kurz in den Hintergrund tritt. Dies verhindert einen Lesesog, den die Geschichte eigentlich ausgeübt hat, trotzdem ließ es sich flüssig lesen und bleibt bis zum Ende absolut interessant. Ich lese unheimlich gerne Nachworte. Die Übersetzerin Josefine Haubold hat einige Zeit investiert, um sich mit der Biografie der Autorin auseinander zu setzen und so die Handlung des Buches mit der Zeit seiner Entstehung in Zusammenhang zu bringen. Sie liefert auf 25 Seiten interpretative Ansätze und weist auf Merkmale des Werkes hin, ebenso gibt sie eine Übersicht über Macaulays Gesamtwerk. Ich freue mich immer sehr über solche Übersetzungen, die, in diesem Fall dank des Aviva Verlags, deutschen Lesern zugänglich gemacht werden. Man entdeckt oft eine Aktualität in den visionären Gedanken von vor hundert oder mehr Jahren, die beeindruckend sind. Wie auch bei anderen Autoren aus der Zeit um den Anfang des 20. Jahrhunderts begeistert mich die gehobene Sprache, die nicht antiquiert wirkt, und der subtile Humor. Josefine Haubold hebt auch nochmal explizit das moderne Frauenbild hervor, das die Autorin ihrer Protagonistin auf den Leib geschrieben hat, eine moderne, qualifizierte, selbstbewusste Frau, die sich in ihrer Berufstätigkeit - und letztlich auch in ihrem Privatleben - zielbewusst selbst verwirklicht. Dieses Buch ist Vieles. Utopie, Dystopie, Komödie, Gesellschaftsstudie und Liebesgeschichte. Alle diese Ebenen finden ihren Platz in diesem großartigen Stück Literatur.



Zum Verlag


Der Aviva Verlag wurde 1997 von der Literaturwissenschaftlerin Britta Jürgs gegründet und hat es sich zur Aufgabe gemacht, Werke fast vergessener Autorinnen wieder zu entdecken und neu zu beleben. Im Programm findet man neben Erstübersetzungen ins Deutsche auch Biografien und Essays rund um Frauen in Literatur und Kunst.

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