• Julia Moldenhauer

Umfangreich - Hintergründig - Abenteuerlich



Zum Titel


Der Roman „Data Tutaschchia“ (დათა თუთაშხია) von Tschabua Amiredschibi wurde 1971-75 erstmals in Georgien veröffentlicht. Die vorliegende Ausgabe erschien 2018 im Alfred Kröner Verlag. Das Buch umfasst 696 Seiten und wurde von Kristiane Lichtenfeld erstmals aus dem Georgischen übersetzt.

Das Cover ziert eine Aufnahme aus dem 1978 von der Geschichte inspirierten Film „Data Tutashkhia“.

Das Buch habe ich bereits vor etwa 2 Jahren gekauft, nun ist seine Zeit endlich gekommen.


Zum Inhalt Ende des 19. Jahrhunderts lebt Data Tutaschchia jahrzehntelang als Abrage, als Freiheitskämpfer. Ihm werden allerhand leichte und schwere Verbrechen zur Last gelegt. Sein Cousin Muschni Sarandia hingegen steht auf der Seite des Gesetzes und ist dabei, eine beispiellose Karriere hinzulegen. Die beiden Männer kommen sich vor dem Hintergrund der aufkeimenden Oktoberrevolution zunehmend ins Gehege. Wir lernen den edlen Räuber und seinen intelligenten, unparteiischen Widersacher anhand von Anekdoten, Berichten und Geschichten kennen. Der Roman wird von dem russischen Polizeioffizier Fürst Szegedy erzählt, der die Schilderung immer wieder an andere Personen abgibt. Über 50 Personen spielen so im Laufe der 700 Seiten größere und kleinere Rollen.

Rezension Ein solches Buch zu bewerten bedeutet, sich auch mit seiner Entstehung auseinander zu setzen, sonst würde ich ihm womöglich nicht gerecht werden. Ursprünglich war es in 4 Teile unterteilt und erschien als eine Art Fortsetzungsgeschichte in einer georgischen Zeitschrift. Wenn man es also nun in einem Rutsch liest, ist es nicht verwunderlich, dass man über einige Längen hinwegkommen muss, dass die Spannung ansteigt und abflaut, dass die vielen Figuren einem einiges abverlangen und man einen Crashkurs in georgischer Geschichte und Politikwissenschaft erhält. Ich habe mehrere Wochen mit Data Tutaschchia im Kaukasus verbracht, man muss sich etwas Zeit geben, dann lernt man eine ganz tolle Heldenfigurkennen. Amiredschibi hat ihn dazu gemacht, er hat seinen Protagonisten edel, gerechtigkeitsliebend, intelligent - aber nicht ohne Fehler erdacht. Ihn umgibt eine Aura, die mich auch außerhalb des Buches erreicht hat, ein georgischer Robin Hood könnte man sagen. Seine Methoden, gegen die allgegenwärtige Rücksichtslosigkeit und Raffsucht vorzugehen, sind unkonventionell, zunehmend verzweifelt er am Egoismus der Menschen. Er blickt in ihre Seelen, er erkennt ihre Absichten. Der edle Räuber aus den Bergen und Wäldern Georgiens wurde durch diesen Roman von einer fiktiven Figur zum Volkshelden. Hierzu nutzt Amiredschibi jeweils zu Beginn eines der 4 Abschnitte eine Art Einleitung, die an eine altertümliche Heldensage erinnert und der Legendenbildung dient. Auch die Form der vielen Erzählungen und Anekdoten trägt dazu bei, jeder kennt Tutaschchia, hat eine Geschichte über ihn gehört oder selbst erlebt. Teils werden Begebenheiten aus anderer Perspektive und an anderer Stelle erneut aufgegriffen, so dass man mit der Zeit ein Gesamtbild über diesen tragischen Helden erhält. Ein ganz tolles Buch, eine großartige Entdeckung. Ich bin sehr begeistert, dass der Alfred Kröner Verlag dieses unvergleichliche Werk aufwendig übersetzt und verlegt hat, das Kriminalgeschichte, fiktive Biografie und Heldenepos unter dem Deckmantel des historischen Romans vereint.

Zur Übersetzung Wie bei russischer Literatur mag ich auch hier den Sprachklang, vor allem den der Dialoge. Der Übersetzung merkt man hierbei an, dass sie modern ist, aus jüngerer Zeit, die Melodie der Sprache ist "weicher" als ich es von älteren Übersetzungen osteuropäischer Werke kenne. Eine große Herausforderung, denn Kristiane Lichtenfeld hat die Geschichte erstmals ins Deutsche übersetzt. Dem Buch hängt ein umfassendes Glossar an, in dem viele im Georgischen belassene Begriffe erklärt werden. Zum Autor Tschabua Amiredschibi - eigentlich Msetschabuk Amiredschibi - wurde 1921 in Tiflis geboren. Er war ein Kultautor der georgischen Gegenwartsliteratur. Schon in jungen Jahren war er politisch engagiert und wurde Mitglied der oppositionellen Untergrundorganisation Tetri Giorgi, die die Befreiung Georgiens von der sowjetischen Besatzung zum Ziel hatte. Während des Zweiten Weltkrieges wurden seine Eltern verhaftet und sein Vater 1938 erschossen, die Mutter verblieb in einem Gulag. Amiredschibi selbst wurde zur Roten Armee eingezogen, aber wegen seiner verurteilten Eltern nach kurzer Zeit wieder entlassen. 1944 wurde er festgenommen und wegen der Planung eines Anschlags zu 25 Jahren Straflager in Sibirien verurteilt. 1960 kehrte er nach 16 Jahren Verbannung, drei Gefängnisausbrüchen und zwei Todesurteilen rehabilitiert nach Geor­gien zurück. Er begann zu schreiben, zunächst Kurzgeschichten, dann auch Erzählungen und Romane. 1971 bis 1975 erschien Data Tutaschchia, sein bedeutendstes Werk, in 4 Bände aufgeteilt als Fortsetzungsroman. Vermutlich hat er die Grundzüge der Geschichte über einen georgischen Gesetzlosen in der Zarenzeit, der auf verdeckte Weise das Recht auf persönliche Freiheit und Kritik in einem repressiven politischen System verteidigt, bereits während seiner Haftzeit erdacht. Es wurde für die Zeitschrift Ziskari, für den Verlag und den Autor zu einem sensationellen Erfolg. Der damalige Generalsekretär der Kommunistischen Partei Georgiens, Eduard Schewardnadse, setzte sich gegenüber der Zensur für die Veröffentlichung ein. Amiredschibi unterstützte die Unabhängigkeitserklärung Georgiens im April 1991, 1992 wurde er in das georgische Parlament gewählt. Tschabua Amiredschibi starb im Dezember 2013 im Alter von 92 Jahren in Tiflis.

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