• Julia Moldenhauer

Hintergründig – Erinnernd - Abwechslungsreich



Zum Titel


Die Anthologie „Fabelhafte Wesen“ von Alberto Manguel wurde 2019 erstmals unter dem Titel "Fabulous Monsters" veröffentlicht. Die aus dem Englischen von Achim Stanislawski übersetzte Ausgabe erschien 2022 im Diogenes Verlag. Das Buch umfasst 254 Seiten, trägt einen Schutzumschlag und ein Lesebändchen. Es enthält zahlreiche Zeichnungen des Autors.


Zum Inhalt In beachtlichen 37 Kapiteln erzählt uns Alberto Manguel Hintergründiges und Wissenswertes über die Helden aus den Büchern seines Lebens. Es sind keineswegs nur die üblichen Verdächtigen dabei, wie man dem Untertitel "Dracula, Alice, Superman und andere literarische Freunde" nach annimmt, er stellt hier ebenso Nebenfiguren aus bekannten und eher unbekannten Werken der Weltliteratur ins Rampenlicht und analysiert ihre Bedeutung. Rezension Da dieses Buch weder ein Roman noch eine Biografie ist, hat sich der Verlag entschieden, hier leicht vom typischen Diogenes-Design abzuweichen. Das Buch ist großformatiger, was den Charakter einer Sammlung unterstützt. Ich hatte erwartet – als Bücherwurm und Klassikerleserin die ich bin – dass ich vielen Vertrauten und Altbekannten begegne, doch erfreulicherweise gab es einige Fremde kennenzulernen. Keineswegs handelt es sich bei den porträtierten „Wesen“ ausschließlich um Fabelwesen, als fabelhaft würde ich sie aber auf jeden Fall bezeichnen, denn sie alle eint, dass ihre ErfinderInnen uns Lesenden etwas durch sie mitteilen wollten, sie wurden erdacht, um Gut und Böse darzustellen, um Kindern Furcht einzuflößen, um Gesellschaftskritik zu üben oder einfach zur Unterhaltung. Ihre Namen sind berühmt, legendär und bei vielen mit Erinnerungen an Leseerlebnisse aus Kindheit und Jugend verbunden. Alberto Manguel erzählt mit einer Begeisterung und einer Belesenheit von Büchern aus allen möglichen Genres, von Middlemarch über Sindbad bis zu Hiob. Seine Darstellungen sind hintergründig, er analysiert die Geschichten in Bezug auf ihre Entstehungszeit, spannt aber in seinen Interpretationen den Bogen bis ins Heute. So zeigt er, dass man Bücher, auch über Jahrhunderte, immer wieder neu lesen kann.

Im Wandel der Zeit bleiben Geschichten nicht dieselben, das hat Manguel an mehreren Stellen deutlich gemacht. Ich kann mit Belletristik und Sachbüchern lesend in eine vergangene Zeit zurückblicken. Die Überzeichnung von Charakteren, das Fabelhafte, Unrealistische dient dabei auch andersherum hervorragend dazu, es mit ins Jetzt zu nehmen, einen hunderte Jahre alten Text auf die Gegenwart zu beziehen und eine Aktualität zu erkennen, die die von ihm genannten Werke niemals verstaubt wirken lassen. Dass einige Formulierungen und Ansichten überholt sind und auch manche Figur sich heute anders verhalten würde, erwähnt er dabei jedoch deutlich, spricht diverse Änderungen an „Pippi Langstumpf“ an oder die Rolle des „Freitag“ in „Robinson Crusoe“. Von vielen Protagonisten – und Antagonisten – erfährt man die Ursprünge und welche Änderungen sie durch Neuauflagen und auch Verfilmungen erfahren haben. Eine wunderbare Anthologie über unvergessene Buchhelden aus der Feder des Büchernarren Alberto Manguel, eines passionierten Lesers, Autors und Privatbibliothekars. Zum Autor Alberto Adrián Manguel (* 13. März 1948 in Buenos Aires) ist ein aus Argentinien stammender Schriftsteller, Literaturdozent, Übersetzer und Redakteur. Er wuchs in Israel und Argentinien auf. Manguel war zwischen 1964 und 1968 unter anderem Vorleser beim erblindeten argentinischen Schriftsteller Jorge Luis Borges. Seit Dezember 2015 ist er Direktor der argentinischen Nationalbibliothek. Er schreibt Sachbücher und Romane. Manguel besaß eine private Bibliothek von etwa 40.000 Büchern, die als eine der größten privaten Büchersammlungen gilt. Im Herbst 2020 hat er sie der Stadt Lissabon geschenkt, die ein Studienzentrum für die Geschichte des Lesens einrichten will. Manguel soll die Einrichtung leiten und ist deshalb umgezogen. Er spricht Spanisch, Englisch, Französisch, Italienisch und Deutsch, aber noch kein Portugiesisch, deshalb lernt er es jetzt.

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