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  • AutorenbildJulia Moldenhauer

Einsam – Sympathisch – Verzweifelt



Zum Titel


Der Roman „Schrödingers Grrrl“ von Marlen Hobrack wurde im März 2023 im Verbrecher Verlag veröffentlicht. Es ist ein Hardcover ohne Schutzumschlag und umfasst 270 Seiten. Zum Inhalt Mara ist Anfang 20 und Hartz-4-Empfängerin. Ohne Schulabschluss, dafür aber mit psychischen Problemen bepackt, sieht sie nicht nur beruflich keine Perspektive, auch ihr Sozialleben wird geprägt von allgemeiner Alltagsuntauglichkeit. Doch genau so jemanden wie sie hat man gesucht! Der PR-Agent Hanno will ein Buch über eine junge Frau, die Mara mehr als ähnlich ist, groß rausbringen. Das Problem: ein älterer Mann hat es geschrieben. Im Literaturbetrieb ist Authentizität jedoch das A und O und so bekommt Mara die Chance, als Autorin eines mutmaßlich autofiktionalen Romans ins Rampenlicht zu rücken. Doch alles hat seine Schattenseiten. Rezension Das Buch beginnt mit dem Ende, kurz gesagt geht für Mara alles den Bach runter. Es ist also von Beginn an kein Roman, bei dem man ein kitschiges, unrealistisches Ende befürchten muss. Oder darauf hoffen sollte. Die Geschichte, die voller Melancholie ist, dreht sich vor allem um Mainstream und mangelnde Toleranz allem Unperfekten gegenüber. Ein großes Thema ist die digitale Welt, in der vermeintlich Anerkennung und Akzeptanz zu finden ist, die aber nichts mit der Realität zu tun hat. Es ist ganz viel untergebracht auf weniger als 300 Seiten, zu viel? Für Mara auf jeden Fall, sie bricht fast unter der Last fremder und eigener Erwartungen zusammen. So kann das Leben manchmal sein, oder? Ich fand es nicht überfrachtet. Mara und ich haben - auf den ersten Blick betrachtet - so viel gemeinsam wie Leopardenleggings und Boyfriendjeans. Dennoch fühlte ich Mara, sie ist echt, die Geschichte ist echt. Ich konnte einiges wiedererkennen und verstehen. Aber nicht nur das hat "Schrödingers Grrrl" (Maras Pseudonym in den sozialen Medien) zu einem Leseerlebnis gemacht. Marlen Hobrack hat in ihrem Romandebüt nicht nur eine Geschichte erzählt, in meinen Augen steckt mehr dahinter. Ich habe mir noch kein abschließendes Urteil gebildet und möchte auch nicht vorgreifen, aber einige Aspekte finde ich total interessant und originell. Es fängt mit dem Wechsel der Erzählperspektive an, der kaum wahrnehmbar ist, aber dennoch findet er statt. Keine Ahnung, wieso. Dann wäre da die Szene, in der das Buch, das Mara angeblich geschrieben hat, nach einer Lesung kritisiert wird. Die Männerfiguren zu stereotyp, Hartz-4-Emfänger würden falsch dargestellt. Mara verteidigt "ihr" Werk. Hat Marlen Hobrack vorausgesehen, dass auch "Schrödingers Grrrl" für diese Punkte kritisiert werden könnte und den Konter direkt im Roman mitgeliefert? In gewisser Weise vermischen sich so beide Romane, der echte und der fiktive, was ich genial finde. Vielleicht geht mein Hang zur Interpretation auch mit mir durch, egal. Wie der Literaturbetrieb - und auch die Erwartungshaltung der LeserInnen - hinterfragt wird ist allemal spannend. Was man sich nach dem Ende dieses Buches fragen sollte, ganz persönlich: Was wäre nun, wenn sich herausstellt, dass DIESES Buch ein 60-jähriger Mann geschrieben hat? Was würde es für den Inhalt, den "Wert" und den Erfolg bedeuten? Ohne Wertung, mit klarem Blick erzählt die Autorin von Menschen im Jetzt und Heute, von ihren Unzulänglichkeiten, ihrem Scheitern und ihrer Suche nach Glück. Der Umgang miteinander, auch wenn die Charaktere sich nicht sympathisch sind, ist ein maßgeblicher Grund, weshalb mich dieses Buch so berührt hat. Marlen Hobrack verzichtet zumeist auf explizite Wortwahl, die provoziert, die laut und aggressiv ist. Sprachlich hat mich die Autorin total abgeholt. Ich habe ihren Stil als angenehm unverklärt und schnörkellos empfunden, eine unvergleichliche, modern-poetische Stimme. Ich habe Zuneigung zu allen Figuren gespürt, je verkorkster, desto liebenswerter. Ich habe "Schrödingers Grrrl" unheimlich gerne gelesen, ich habe mich richtig auf die Lesezeit gefreut. Auch, weil es so wahnsinnig schick aussieht und ich die Eckigkeit der Verbrecher so liebe, doch letztendlich löste es ein Bauchgefühl aus, vielmehr ein Buchgefühl. Buchliebe fragt nicht, erklärt sich nicht, Buchliebe ist. Und falls Marlen Hobrack ein kurz vor der Pension stehender, höherer Finanzbeamter ist - Ich glaube, es würde für mich an diesem Gefühl nichts ändern.

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