• Julia Moldenhauer

Dystopisch - Anspruchsvoll - Auffällig




Zum Titel


„Das Romanverbot ist nur zu begrüßen“ von Seiko Ito wurde 2018 unter dem Originaltitel „Shosetsu-kinshirei ni sando suru“ veröffentlicht. Die vorliegende Ausgabe erschien 2021 im Cass-Verlag. Das Buch umfasst 156 Seiten und wurde von Jürgen Stalph aus dem Japanischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen.

Das Buch bekam ich im März 2022 vom Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Zur Gestaltung Ich komme nicht umhin, zunächst auf das Äußere einzugehen. Das Hardcover trägt "unbekleidet" seinen offiziellen Titel, genauso steht er auf dem Buchrücken, zusätzlich der Name des Autors. Trägt das Buch jedoch den transparent-weißen Schutzumschlag, steht auf dem Buchrücken nur noch "Das Romanverbot" Seiko Ito, der Rest ist geschwärzt - zensiert. Der eigentliche Titel auf dem Cover lässt sich nun höchstens noch erahnen, dort steht nämlich jetzt "So einen seltsamen Roman haben Sie noch nie gelesen, glauben Sie mir." Seiko Ito. Kein Klappentext, keine weiteren Informationen. So machte mich dieses Buch auf den ersten Blick sehr neugierig. Auch innen findet man direkt eine Zensur, die Widmung wurde geschwärzt. Zum Inhalt Im Januar des Jahres 2036 sitzt ein namenloser, fast 75jähriger Häftling aus ihm unverständlichen Gründen seit nunmehr 12 Jahren in Isolationshaft einer Sammeleinrichtung des sogenannten ostperipheren Archipels, als man ihn damit beauftragt, monatlich einen Beitrag für die Gefängniszeitschrift beizutragen. Als junger Mann war er in Japan Autor für Science-Fiction, doch der Name seines Heimatlandes darf nicht mehr genannt werden und Romane schreibt er schon lange nicht mehr. Er gehörte sogar zu den Befürwortern des in den 2020ern erlassenen Romanverbots. In seinen Essays will er nun Stück für Stück die verwerflichen Aspekte nichtwissenschaftlicher Literatur aufdecken, seine Romantheorie soll die Leserschaft der Broschüre zur Vernunft bringen. Seiko Ito lässt seine Hauptfigur in einer dystopischen Zukunft, die geprägt ist von Zerstörung, Totalitarismus und Zensur, in der Geisteswissenschaften quasi abgeschafft wurden, einen Aufsatz schreiben, wie gut und richtig es war, Romane zu verbieten. Zur Beweisführung zieht der als "Herr 86" bezeichnete Häftling Beispiele aus der japanischen, aber auch der Weltliteratur heran, setzt sich mit Aufbau und Stilmitteln auseinander und verdammt die Belletristik als Betrug. Jedes Kapitel ist ein neuer Beitrag für die nächste Monatsausgabe des Heftes, aus ihnen setzt sich das Buch zusammen, in ihnen liegen alle uns zur Verfügung stehenden Informationen. Die Aufsätze werden einer Prüfung unterzogen, werden zensiert, teilweise Worte geschwärzt und schließlich mit einer Fußnote versehen. Ist das der einzige Zweck oder gibt es doch eine Leserschaft?

Rezension Ich denke es mir natürlich schon zu Beginn, dieser Roman wird mich nicht von der Schlechtigkeit Seinesgleichen überzeugen. Und doch ist es ein überraschendes Buch. Überraschend ist der Weg durch die Vielschichtigkeit, mit der Seiko Ito die Argumente selbst widerlegt. Dies geschieht teils offensichtlich, teils mit großer Raffinesse - im wahrsten Sinne des Wortes zwischen den Zeilen. Hierbei verschwimmen immer mehr die Grenzen zwischen dem Autor und seiner Hauptfigur. Seiko Ito gelingt es mit genialen Kunstgriffen zu zeigen, wie Literatur den Leser zum Teil der Geschichte macht und den Autor abzugrenzen unmöglich werden kann. Ja, die Leserschaft, für die Herr 86 schreibt, die gibt es, doch man findet sie nicht im Buch. Wir hier draußen, außerhalb der Seiten, sind die Leser dieser Essays, die zusammen eine fiktive Autobiografie ergeben, die letztendlich ein Plädoyer gegen Kategorisierung und Zensur von Literatur ist. Man kann es nicht mal so nebenbei lesen. Wenn das Buch auch von geringer Seitenzahl ist, man benötigt ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Konzentration, um den Ausführungen der herangezogenen Romanbeispiele aus der japanischen Literatur und den Literaturtheorien folgen zu können. Belohnt wird man dafür mit einem ganz besonderen Leseerlebnis. Die Übersetzung und Umsetzung der Lektüre ist mit einer solch liebevollen Sorgfalt und einem Einfallsreichtum geschehen, dass es von großem Respekt dem Autor und seinem Werk gegenüber zeugt. Und mir als Leser macht es immer große Freude, wenn Inhalt und Aufmachung des Buches ein Konzept ergeben. Ich habe noch nicht viele Romane gelesen, die derart genial konstruiert waren und er wird in die Liste der besten Bücher aufgenommen. Ich würde es am liebsten gleich nochmal von vorne anfangen zu lesen, aber andere Bücher warten. Dieses werde ich nie mehr vergessen.


Zum Verlag


Der unabhängige Cass-Verlag, das ist das Ehepaar Dr. Katja Cassing und Jürgen Stalph, die über japanische Literatur die Liebe zur Sprache und Kultur des Landes entdeckten. Da japanische Autoren vor allem im Bereich Kriminalliteratur in Deutschland kaum angeboten wurden, gründeten sie einen Verlag mit diesem Schwerpunkt. Mit der Zeit kamen mehr und mehr hochwertige Werke aus der Belletristik hinzu, sowie deutschen Neuentdeckungen von in Japan bekannten und preisgekrönten AutorInnen. Gegründet wurde der Verlag im Jahr 2000 und hat seinen Sitz im thüringischen Bad Berka.

Als besonderes Qualitätsmerkmal steht eine erstklassige Übersetzung und sorgfältige Gestaltung an oberster Stelle. Seit kurzem widmet sich der Cass-Verlag auch moderner koreanischer Literatur.

Die beiden ausgewiesenen Japanologen bieten in ihrem Programm herausragende und vielsetige Bücher, die dem deutschen Buchmarkt ohne ihren Verlag ein Stück einseitiger aussehen lassen würden.

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