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  • AutorenbildJulia Moldenhauer

Weiblich – Zwiespältig – Rückblickend



Zum Titel


Der Roman „Schneeflocken wie Feuer“ von Elfi Conrad wurde 2023 veröffentlicht. Das Buch erschien im mikrotext Verlag und umfasst 301 Seiten.

Es ist ein Hardcover ohne Schutzumschlag, das Cover zeigt die damals 17-jährige Autorin, also in dem Alter, in dem ihre Hauptperson Dora zum Zeitpunkt der Handlung ist.



Zum Inhalt


Dora ist fast 80 Jahre alt, als sie zu einem Klassentreffen in ihre Heimat im Harz reist. Dabei werden durch herumgereichte Fotos aus der gemeinsamen Schulzeit Erinnerungen geweckt. Insbesondere eine an den früheren Musiklehrer und wie Dora eine Affäre mit ihm begann. Und wie diese zu Ende ging.



Rezension


Man sollte sich den Ablauf des Romans nicht vorstellen wie eine Traumsequenz, in der die betagte Dora plötzlich wieder jung ist und die Ereignisse aus ihrer Jugend erneut durchlebt. Es ist vielmehr so, dass die Hauptfigur, die auch die Erzählerin ist, die ganze Zeit über in der heutigen Zeit bleibt, aus heutiger Sicht die Geschehnisse und ihr damaliges Verhalten einordnet.

„Schneeflocken wie Feuer“ ist kein leicht lesbarer Roman. Das liegt daran, dass Elfi Conrad, die bislang unter dem Pseudonym Phil Mira Romane veröffentlicht hat, es nicht dabei belässt, einfach die Erinnerungen ihrer Protagonistin zu erzählen. Da würde mit Effekten und Dramaturgie nicht gegeizt, doch die Autorin hat etwas anderes gewollt. Anhand der Rückschau einer heute 80-Jährigen, die stets am Zeitgeschehen und der Entwicklung der Gesellschaft interessiert war und sich für Frauenrechte engagiert hat, bekomme ich als heutige Leserin einen detaillierten Überblick darüber, wie das Aufwachsen in der Nachkriegszeit und die Jugend in den 60ern ausgesehen und sich angefühlt haben, wie sich die Rolle der Frau entwickelte und welche Errungenschaften im Rahmen der Gleichberechtigung bis heute gemacht wurden. Zudem enthält es eine, den Zeitraum von 80 Jahren (die Eltern und Großeltern der Hauptfigur inbegriffen sogar noch länger) umfassende Kritik von Literatur und Pädagogik aus feministischer Sicht.

Die Autorin vermittelt dies ohne erheblichen Spannungsaufbau, sie erzählt schlicht Doras Leben, konzentriert auf die Zeit zum Ende ihrer Jugend, an der Schwelle zum Erwachsen werden, was ihr nicht schnell genug gehen kann. Führerschein, finanziell und in ihren Entscheidungen unabhängig zu sein sind ihre Ziele. Ich habe mich gefragt, wie viel des Geschriebenen autobiografischer Natur ist, denn was Dora und Elfi angeht, gibt es verschiedene Übereinstimmungen. Das Alter, Heimatort, beruflicher Werdegang. Das Cover des Buches zeigt Elfi Conrad mit 17 Jahren. Manches stimmt auch nicht überein, und trotzdem liest sich „Schneeflocken wie Feuer“ wie eine wahre Geschichte, wie tatsächlich erlebt, wenn nicht von der Autorin so doch auf jeden Fall von irgendjemand.

Das Buch hat mir – auch wenn es sich nicht eben atemlos durchlesen ließ – gut gefallen. Dora setzt ihre Erlebnisse immer wieder mit dem Heute in Bezug. Begriffe aus jüngerer Zeit, die sie verwendet, kommentiert sich mit „das haben wir damals noch nicht gesagt“ oder „den Begriff kannte man damals noch nicht“, was einem die Entwicklungen in Politik und Gesellschaft, aber eben auch in der Sprache immer wieder bewusst macht und in den Vordergrund rückt. Das machte die Lektüre für mich so interessant und abwechslungsreich. Die ruhige Erzählweise passte gut.

In einem Punkt aber lässt mich der Roman zwiegespalten zurück, denn im Kern dreht sich die Handlung um die Affäre Doras mit ihrem erwachsenen Musiklehrer. Es wird so dargestellt, dass die junge Frau den verheirateten Lehrer verführt hat, sich über die Folgen im Klaren war und sich reif genug fühlte, eigenverantwortlich zu handeln. Der Aspekt der Verführung Minderjähriger und eben auch Schutzbefohlener wird so heruntergespielt und relativiert, was mir nicht gefällt. Man hat Mitleid mit dem Lehrer, als hätte er nichts dagegen tun können. Als sei er ein Opfer. Das sehe ich kritisch, mag es auch in Einzelfällen so sein, wie es dieses Buch beschreibt. Als Erwachsener MUSS man sich abgrenzen können, eine Schülerin oder ein Schüler sind in einem Abhängigkeitsverhältnis. Ich kann es jedoch nicht wirklich als Kritikpunkt sehen, denn „Schneeflocken wie Feuer“ regt zum Nachdenken an und serviert keine allumfassende Wahrheit, ich bin als Leserin und Leser gefragt, mich auf Dora und ihre intime Geschichte einzulassen und das habe ich gerne getan.


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