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  • Julia Moldenhauer

Weiblich - Selbstbewusst - Aufklärend



Zum Titel


Der Roman „Die erste Frau“ von Jennifer Nansubuga Makumbi wurde 2020 unter dem Titel “The First Woman“ erstmals veröffentlicht. Die Übersetzung aus dem Englischen von Alakati Neidhardt erschien 2022 im InterKontinental Verlag. Das Buch umfasst 527 Seiten und trägt ein Lesebändchen.



Zum Inhalt Kirabo wächst im Uganda der 1970er Jahre bei ihren Großeltern auf. Ihre Mutter hat sie nie kennengelernt, der Vater hat neu geheiratet. Wir begleiten die Protagonistin auf ihren Weg vom kleinen Mädchen zur Erwachsenen. An ihrer Seite sind stets starke Frauen, die Kirabos Entwicklung beeinflussen. Mit klarem Blick auf die Gesellschaft im Wandel der Zeit und die verschiedenen Kulturen erzählt uns Jennifer Nansubuga Makumbi die Geschichte von Mwenkanonkano, dem Kampf von Frauen gegen Unterdrückung aller Art und ihren Ursprüngen. Rezension Ich habe nun über 2 Monate an diesem Buch gelesen, nicht weil es schwer, kompliziert, langweilig oder uninteressant gewesen wäre, es war schlicht wunderbar und gemütlich und ein richtiger schöner, dicker Schmöker.

Von der ersten Seite an nahm mich der Sprachklang gefangen. Jennifer Nansubuga Makumbi hat die Geschichte in englischer Sprache verfasst, viele Ausrufe, Ansprachen, Begriffe und Koseworte sind auf (ich nehme an) Swahili belassen, was das Lesen absolut belebt hat. Das Buch liest sich – sicher dank der feinfühligen Übersetzung von Alakati Neidhardt - flüssig und abwechslungsreich.

Nun bin ich zum einen kein großer Fan von sogenannten Coming-of-Age-Stories, des Weiteren suche ich nicht unbedingt die Themen Feminismus oder Rassismus, wenn ich mich nach neuem Lesestoff umschaue. Ich mache keinen Bogen darum, jedoch gebe ich zu, dass mir teils bei aktueller feministischer europäischer Literatur zu viel Lamento enthalten ist, mit dem ich mich wenig identifizieren kann, zu einseitig, zu aggressiv. Dann wiederum an anderer Stelle, besonders das Thema Rassismus betreffend, enthalten mir Bücher mitunter zu viel Realität, als ich abends vorm Zubettgehen noch ertragen kann.

Was „Die erste Frau“ angeht, ist der Autorin Großartiges gelungen. Sie nimmt uns mit zum Beginn der Zeit, zur Rolle der Frau in den verschiedenen Weltreligionen, in Sagen, Legenden und Gute-Nacht-Geschichten. Dieser Part des Buches, in dem es um den Urzustand der Frau geht und darum, wie Frauen seit Jahrhunderten aufgrund von Mythen unterdrückt werden, hat mir besonders gut gefallen. Der Kampf um das Aufbrechen veralteter Rollenmuster und für Gleichberechtigung trägt lokal für die ugandischen Frauen und deren Lebensumstände den Begriff „Mwenkanonkano“, doch Makumbi erzählt nicht die Geschichte einer Ethnie, eines Landes, einer Religion, sie zeigt Verbindungen und Übereinstimmungen auf. Hierbei lässt sie nicht unerwähnt, dass auch Männer nicht ohne weiteres aus diesem System und der ihnen zugewiesenen Rolle ausbrechen können. Ein weiterer Punkt, der immer wieder zur Sprache kommt, ist Feindschaft zwischen Frauen, da wo Ungerechtigkeit herrscht. Dass Frauen die festgefahrenen Rollen verteidigen, Unterdrückung und Schuld weitergeben. Ein großes Thema im Buch, was ich erstmals in dieser Deutlichkeit in Literatur wahrgenommen. Wenn beispielsweise ein Mann seine Familie wegen einer neuen Frau verlässt, wird gesagt, die andere Frau habe den Mann „weggenommen“ und ein Großteil der Wut gilt ihr. Die Schuldfrage verlagert sich, dies ist nur eins von vielen Beispielen, aber es hat mich sehr zum Nachdenken gebracht. Dieses Buch ist eine wahre Entdeckung für mich gewesen, es hat einen ganz außergewöhnlichen Klang, sprachlich wie inhaltlich. Makumbi hat eine ganz besondere feministische Stimme, ohne Aggressivität aber nicht weniger kämpferisch und kraftvoll. Die von ihr gezeichneten Figuren mit all ihren Fehlern sind so differenziert dargestellt, wie die ganze Handlung es ist. Neben Themen wie der Kolonialgeschichte Ugandas spricht sie auch den Rassismus innerhalb der indigenen Bevölkerung an und bildet so umfassend ab, wie Fehlverhalten und daraus resultierende Ressentiments noch Generationen später zu Ausgrenzung und Abstempeln ganzer Bevölkerungsgruppen führt. Trotz des Schwerpunktes auf die Kultur und Politik Ugandas ist dies eine Geschichte, für jede Frau auf jedem Kontinent der Welt geschrieben, die Autorin hat auf den Punkt gebracht, was alle verbindet.

Es ist ein Buch, das ich mit einem guten Gefühl meiner 16-jährigen Tochter geben kann, weil es nicht beängstigend und wütend ist. „Die erste Frau“ ist ein feministischer Roman, der sehr bestärkend ist, leicht verdaulich, mit herzlichen, authentischen Figuren, die Vorbildcharakter haben. Er ist humorvoll an den richtigen Stellen und Kirabo hat mich – dank des Umfangs – eine ganze Weile begleitet und ich habe die Zeit mit ihr in ihrem Dorf sehr genossen.

Ich empfehle die Lektüre allen, die dem Urzustand der Frau auf den Grund gehen wollen.



Zum Verlag


Ich habe eines der ersten veröffentlichten Bücher des Verlages gelesen, er startete mit dem Herbstprogramm im August 2022. Entstanden ist er aus der gleichnamigen Berliner Buchhandlung und gemeinsam mit dem Verein zur Förderung afrikanischer Literatur liegt der Focus auf der Übersetzung afro-diasporischer Autorinnen und Autoren, die in ihrer Heimat sowie international Erfolge erzielen und macht sie für die deutschsprachige Leserschaft zugänglich. Der junge, unabhängige Verlag möchte in seinem Programm moderne Literatur präsentieren und dabei die Vielfalt afrikanischer SchriftstellerInnen zeigen.


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