• Julia Moldenhauer

Unterhaltsam - Tiefgründig - Stimmig



Zum Titel


Der Roman „Eingeäschert“ von Doug Johnstone wurde 2020 erstmals unter dem Originaltitel "A Dark Matter" veröffentlicht. Die vorliegende Ausgabe wurde 2022 von Wolfgang Franßen im Polar Verlag herausgegeben und von Jürgen Bürger aus dem Englischen übersetzt. Das vorliegende Exemplar ist aus der 2. Auflage, es ist ein Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, umfasst 423 Seiten und enthält ein Nachwort des Kriminalschriftstellers Anthony J. Quinn.

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Zum Inhalt Als Jim Skelf - seines Zeichens Bestatter - überraschend stirbt, stehen Ehefrau, Tochter und Enkelin in ihrer Trauer vor der Aufgabe, das Familienunternehmen weiterzuführen. Gestorben wird immer und während Jims Asche noch nicht ganz erkaltet ist, kommen bereits die nächsten Aufträge auf die Frauen zu. Doch nicht nur die Organisation von Beerdigungen will bewältigt werden, seit einigen Jahren führte Jim zusätzlich eine Privatdetektei. Ehe sie sich versehen, stecken Dorothy, Jenny und Hannah bis zum Hals in Ermittlungen, die sie auch persönlich betreffen. Denn nicht jeder Todesfall ist natürlichen Ursprungs. Rezension Doug Johnstone zu lesen war eine gute Wahl. Ich bin keine passionierte Krimi-Leserin, ich kann spritzendem Blut und Nervenkitzel nichts abgewinnen. Meine Ansprüche sind hoch, raffiniert und glaubhaft muss ein Krimi sein, die Figuren sollen lebendig wirken. Von der ersten Seite an lässt einen der schottische Autor dabei sein, angefangen mit den Geschehnissen um die Einäscherung von Jim. Man wandelt unter den Figuren, lernt sie kennen, ihre Gefühle, Sorgen und Unzulänglichkeiten offenbaren sich wie nebenbei, während die Handlung mit kontinuierlich steigender Spannung ihren Weg geht. Zu einschneidenden Geschehnissen beleuchtet, seziert und reflektiert er ihr Fühlen und Handeln sehr plastisch. Unterstützt wird dies durch die kurzen Kapitel, in denen der personale Erzähler immer einer der drei Skelf-Frauen folgt. Mir erschien Johnstones Art des Erzählens einer Kriminal- und Detektivgeschichte sehr besonders. Wie tiefgründig auf die Figuren eingegangen wird hat mich positiv überrascht. Meine oberflächliche Recherche brachte mich darauf, dass es sich hier um das Genre des "Roman Noir" - oder nach dem Namen des Verlags zu urteilen um "Polar Noir" handeln könnte. Diese Art Literatur zeichnet sich dadurch aus, dass gegensätzliche Pole (zum Beispiel die Perspektiven eines Verbrechens) sich paradoxerweise nicht ausschließen müssen. Die Einteilung in Gut und Böse wird einem bei diesen komplementären Verhältnissen schwer gemacht, die AutorInnen dieses Genres üben mit ihren Werken Kritik an sozialen Verhältnissen und zeigen politische und historische Zusammenhänge auf, die als Ursache für die ermittelten Taten gelten können. Schwarz oder Weiß gibt es letztendlich nicht und die Auflösung der Fälle, den Täter zur Strecke zu bringen, stellt keineswegs die Ordnung wieder her, macht nichts wieder gut. In "Eingeäschert" werden die unterschiedlichen Fälle, in denen die Detektei ermittelt, sorgsam aufbereitet, ausgebreitet und analysiert. Moralische Fragen spielen eine große Rolle, Schuld, Verantwortung und Gewissen. Die Verbrechen stehen bei Doug Johnstone dabei nicht im Vordergrund, sondern die darin verwickelten Personen. Ihre Beziehungen zueinander sind lückenlos beschrieben, sie werden menschlich dargestellt, verletzlich, vielseitig, divers. Es sind allesamt keine Stereotypen. Der Seelenort des Romans, das Beerdigungsinstitut, bietet Anlass zur philosophischen Betrachtungsweise, ohne dass diese deplatziert oder aufgesetzt wirkt. Ja, die teils ordinäre und vulgäre Wortwahl in den Dialogen ist nicht so meins, das hätte gern anspruchsvoller sein dürfen, ich muss jedoch hervorheben, dass der Erzählstil sonst ohne künstliches Aufbauschen auskommt. Die Handlung steckt auch nicht alle paar Seiten in Sackgassen oder es ergeben sich neue Verwicklungen und zahlreiche Verdächtige. Von der ersten bis zur letzten Seite wurde es mir nicht langweilig. Ohne in Thrillermanier von einem Schauplatz zum nächsten zu hetzen hat Doug Johnstone einfach eine stimmig konstruierte, unvorhersehbare Geschichte geschrieben. Erst 80 Seiten vor dem Ende lösen sich die Rätsel nach und nach schlüssig auf. Die Übersetzung des zweiten Teils der als Trilogie angesetzten Reihe ist laut Verlag erst Ende 2023 geplant, das spielt für das Leseerlebnis von "Eingeäschert" allerdings keine Rolle, denn die Geschichte ist abgeschlossen, es werden keine losen Enden hinterlassen.

Für mich als Nicht-Krimi-Leserin war es ein überzeugendes, sehr angenehm lesbares, überraschend vielseitiges Buch aus einem von mir wohl unterschätzten Genre. Insgesamt geht dieses Buch mit seiner Gesellschaftskritik über einen Unterhaltungsroman hinaus und hat mir somit sehr viel mehr geboten, als ich von einem einfachen, spannenden Krimi erwartet habe. Zu Verlag und Genre Die im Stuttgarter Polar Verlag veröffentlichten Romane sind sorgsam ausgewählte Kriminalliteratur in hochwertiger Aufmachung. In dem 2013 gegründeten Verlag werden zum größten Teil internationale Erstübersetzungen publiziert, die sich in Aufbau und Inhalt vom Mainstream absetzen. Polar oder Néo-Polar ist ein literarischer Stil, der seinen Ursprung in Frankreich hat und sich aus der Krimigattung Roman Noir entwickelt hat. Unter Berücksichtigung sozialer, ökonomischer oder kultureller Hintergründe wird hier das Verbrechen in ein "polares" Licht gerückt, in dem die Kernthemen Moral und Schuld ambivalent betrachtet werden. Der Verlagsgründer Wolfgang Franßen hofft auf deutschsprachige Manuskripte, um nach französischem und englischem Vorbild bald auch zunehmend deutsche Veröffentlichungen dieses Genres anbieten zu können.

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