• Julia Moldenhauer

Ungewöhnlich - Mythologisch - Frauenfeindlich



Zum Titel


Der Roman „Das Lied des Achill“ von Madeline Miller wurde 2011 erstmals unter dem Titel “The Song of Achilles“ veröffentlicht. Die deutsche Ausgabe erschien 2020 im Eisele Verlag, die Übersetzung aus dem Amerikanischen Englisch ist von Michael Windgassen. Meine Ausgabe ist die 6. Auflage als Taschenbuch und umfasst 410 Seiten.

Das Buch hat mir eine Freundin zu Weihnachten geschenkt.



Zum Inhalt Der griechische Held Achill - auch Achilles genannt - Sohn eines Menschen und einer niederen Göttin, ist den meisten ein Begriff. Seine Geschichte wird hier als Adaption der antiken Sagen-und Götterwelt erzählt. Ich-Erzähler ist Patroklos, eine unbekanntere Figur der Mythologie, der als Waffengefährte von Achill eine Rolle im Trojanischen Krieg spielte. Madeline Miller hat die überlieferte enge Freundschaft der beiden von Kindesbeinen an als eine Seelenverwandtschaft gedeutet und die Geschehnisse um den Raub der schönen Helena neu erzählt. Rezension "Ich bin Circe" war hierzulande 2019 der erste große Erfolg für Madeline Miller. "Der Song des Achill" wurde zwar in Deutschland als Zweites veröffentlicht, war aber eigentlich der Debütroman der Autorin, an dem sie 10 Jahre gearbeitet hat. Zwischen den beiden Büchern lagen dann 7 Jahre. Nachdem ich das nun weiß, verstehe ich den von mir empfundenen Qualitätsunterschied.

Mir hat "Ich bin Circe" gut gefallen, griechische Mythologie mal anders erzählt, und auch im "Lied des Achill" hat diese Herangehensweise mein Interesse geweckt. Es konnte aber meine Erwartungen nicht erfüllen, das hat mehrere Gründe.

Sprachlich ist an dem Roman nichts auszusetzen, er lässt sich leicht lesen und ist kurzweilig. Er scheint sorgfältig recherchiert und erfindet nichts dazu, es handelt sich lediglich um Interpretationen der undeutlich überlieferten Tatsachen. Ich hatte hauptsächlich mit den Charakteren Schwierigkeiten. Die weiblichen Figuren sind - bis auf ein Miststück alles Opferlämmer. Sie sind passiv, dienen hauptsächlich als Lustobjekt, werden misshandelt und missbraucht, was in jedem Kapitel Erwähnung findet. Das Blut von Jungfrauen tropft nur so aus den Seiten, das ist bedauerlicherweise keine Übertreibung. Ja, war vielleicht bei den ollen Griechen Usus, das tut in meinen Augen jedoch nichts für die Geschichte, es verleidet mir den Spaß an der Lektüre. Die Männer sind wie mit einer Schablone gezeichnet, mir fehlt es bei den vielen Charakteren.. ja, an Charakter. Leider gibt es wenige Kämpfe auf psychologischer Ebene und nur zwischen Männern, ein Gehabe, das wenig Tiefe und Vielseitigkeit bietet, reflektiert werden Handlungen nur im Ansatz, und dabei würde die Handlung so viel mehr hergeben als Gewalt und Missgunst. Es mag der aktuellen politischen Situation geschuldet sein, aber ich war der Kampfszenen schnell überdrüssig, da bin ich tatsächlich sonst nicht so zimperlich, bei Gewalt gegen Frauen halt schon, erst recht, wenn das nebenher stattfindet und nunmal so ist.

Nun geht es ja auch um die gleichgeschlechtliche Beziehung zwischen Achill und Patroklos und die ist nicht plakativ sondern wirklich gut gelungen, es wird gut dargestellt, dass es durchaus üblich war, dass Männer etwas miteinander hatten, ungewöhnlich daran war, dass man einen festen Lebensgefährten ernennt und gar keine Frauen antastet. Mir hat es gut gefallen, wie die Reaktionen der Nebenfiguren das beleuchtet haben. Die Liebesgeschichte ist, eingebettet in eine außergewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte eines Halbgottes, in meinen Augen sehr vordergründig. Ich hatte zum Teil das Gefühl, ich bin womöglich nicht die Zielgruppe. Das war schon annähernd historische Romantasy, kitschig und zum Teil schlicht unrealistisch. So originell die Rahmenhandlung ist, ich kam nicht richtig rein. Vielleicht hätte eine anderere Erzählweise die nötige Distanz geschaffen, Patroklos als Ich-Erzähler ist ein junger, verliebter Mann, unsicher und zurückhaltend, es liegt eine Passivität in seinen Schilderungen, dass er mir fremd blieb. Beide Hauptfiguren haben mich nicht berührt. Beide fühlten sich nicht wie Hauptfiguren an, erst im letzten Kapitel, in dem aber auch nochmal im Nebensatz erinnert werden muss, dass Achill das Ergebnis eines sexuellen Missbrauchs ist. Unnötig!

Ja, es gibt begeisterte Stimmen und auch die kann ich verstehen, denn es ist kein schlechtes Buch, überhaupt nicht. Aber es gibt Kleinigkeiten, die für mich aber eben wichtig sind, es ist mir alles zu wenig differenziert betrachtet gewesen und als Unterhaltungsroman kann ich ihn aus den genannten Gründen nicht gelten lassen, denn Unterhaltung ist für mich etwas anderes. Zum Verlag Der Eisele Verlag ist ein kleiner, unabhängiger, inhabergeführter Verlag aus München, der 2016 von Julia Eisele gegründet wurde. Pro Halbjahr werden nur wenige Titel von interessanten AutorInnen mit ihren Debütromanen publiziert. Das Verlagsprogramm konzentriert sich hauptsächlich auf Belletristik.

In meinen Augen ist der Eisele Verlag weit vorne unter den Verlagen mit den allerschönsten Covern und der Qualität der Gestaltung.

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