• Julia Moldenhauer

Rätselhaft - Besonders - Schlicht



Zum Titel


Der Roman „ Hausers Ausflug“ von Steffen Mensching wurde im Juli 2022 veröffentlicht. Er erschien im Wallstein Verlag und umfasst 249 Seiten.

Das Buch wurde mir als Leseexemplar vom Verlag zugesandt.

Zum Inhalt David Hauser ist als CEO der Firma AIRDROP ein erfolgreicher Geschäftsmann. Dass er sich Feinde mit dem Unternehmen, das Transportboxen für die Heimführung unerwünschter oder krimineller Asylbewerber in ihr Herkunftsland gemacht hat, wird ihm spätestens bewusst, als er in einer ebensolchen Box irgendwo im Nahen Osten abgeworfen wird. Er trägt fremde Kleidung, sein Pass weist ihn als syrischen Staatsbürger namens Walid Said aus. Ausgestattet mit der üblichen Notration an Nahrungsmitteln kämpft der Ausgestoßene schon bald ums Überleben. Seine einzige Chance ist der Weg in irgendeine Art Zivilisation, doch wenn er hier im Nirgendwo auf Menschen trifft, werden sie Freund oder Feind sein?

Rezension Nach anfänglichen Schwierigkeiten aufgrund der kurzen Sätze, der Sachlichkeit der Sprache und der Ausführlichkeit der Schilderungen in allen Einzelheiten (da ist allerhand Unappetitliches dabei) bin ich nach um die 60 Seiten in einen Lesesog geraten. Die Sachlichkeit zeigte sich nun als Ausdruck von Hausers Naturell, die Beschreibung der Ausscheidungen und dergleichen gehörte zum Gesamtbild dieser Odyssee. Ich war mit David Hauser in der kargen Landschaft unterwegs. Mithilfe der personalen Erzählperspektive lernte ich ihn und seine Ansichten währenddessen sehr gut kennen. Zunächst hat man rasch ein Urteil gefällt über den Erfinder einer Abschiebebox, mit der Flüchtlinge und Straftäter, die ihr Heimatland nicht zurückhaben möchte, schlicht dorthin liefert. Doch ganz so einfach ist es dann doch nicht. Zeitpunkt der Handlung ist die nahe Zukunft, das Jahr 2028. Was sich bis dahin flüchtlingspolitisch auf der ganzen Welt abgespielt hat, wird angerissen. David Hauser mag eine verachtenswerte "Lösung" für das Problem gefunden haben, doch er hat diesen Bedarf nicht geschaffen. Ist er verantwortlich? Schnell ist man versucht, eine moralische und ethische Einordnung vorzunehmen. Was für ein verabscheuungswürdiger Mensch! Aber wäre die Welt nicht, wie sie ist, würden solche Boxen keine Anwendung finden. Mehrmals wird einem die eigene Meinung von Steffen Mensching vor Augen geführt, ein klares Urteil gleichzeitig erschwert. Was ist Menschlichkeit? Habe ich Mitleid mit David Hauser oder bin ich doch teilweise schadenfroh? Ohne zu viel zu verraten kann ich vorwegnehmen, dass der Autor seiner Hauptfigur nicht allein die Bühne überlässt, Hauser gerät in Gefangenschaft eines Fremden. Die Interaktion und Psychologie, die sich zwischen den beiden Männern entwickelt, ist genial und hat das Leseerlebnis maßgeblich für mich ausgemacht. Die auf zwei Figuren beschränkte Handlung und der überschaubare Handlungsort war ein besonderes Setting, Mensching ist neben seiner journalistischen und schriftstellerischen Arbeit in verschiedenen Genres auch Intendant des Theaters Rudolstadt. Die Grundidee sowie die szenische Umsetzung sind außergewöhnlich. Ein Roman, der nichts auf dem Silbertablett liefert - auch was das Ende betrifft. Lesenswert!

Zum Wallstein Verlag habe ich einige Informationen bereits an die Rezension von "Der schwarze Storch" angehängt, schaut gerne dort!



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