• Julia Moldenhauer

Kurz - Surreal - Fabulös



Zum Titel


Die Erzählung „Der Schrank“ von Simon Sailer wurde 2022 veröffentlicht. Es erschien im Verlag Edition Atelier. Das Buch umfasst 99 Seiten und ist ein Hardcover mit Lesebändchen. Zahlreiche doppelseitige Illustrationen von Jorghi Poll sind zu bewundern.

Das Buch wurde mir im Rahmen einer Leserunde, an der auch der Autor teilnahm, vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Zum Inhalt Ein Nachmittag in Wien. Lena ist mit Korni und Yilmaz unterwegs zu einem Auftrag, die drei Möbelpacker sollen einen alten Schrank abholen und an eine andere Adresse ausliefern. Doch zunehmend passieren seltsame Dinge und Lena machen es sowohl die Kollegen als auch der antike Gegenstand schwer, mit der Arbeit rechtzeitig fertig zu werden. Spielen denn plötzlich alle verrückt? Rezension Man schließt Lena, die sich in einem „Männerberuf“ das Vertrauen und die Anerkennung ihres Chefs verdient hat, sofort ins Herz. Sie sieht ihren Freund wochentags aufgrund der gegeneinander laufenden Arbeitszeiten nur am Abend eine halbe Stunde, doch sie sind glücklich miteinander. Lena hat ein hohes Verantwortungsbewusstsein ihrem Job gegenüber, anders als der alkoholkranke Korni. Auch Yilmaz wäre lieber woanders, hat einen Traum von einer eigenen Papeterie. Die Sprache und Erzählweise haben mir gut gefallen, schnell werden die Charakterzüge der Figuren deutlich. In diesem kurzen Buch passiert in überschaubarer Zeit unheimlich viel und das in zunehmendem Tempo, man kann der immer fantastischer und fabelhafter werdenden Geschichte, die mit wenigen Ortswechseln auskommt, jedoch gut folgen. Eine Interpretation der Ereignisse fällt nicht schwer, die Menschen, die in Wien auf den Straßen unterwegs sind, verwandeln sich - einer nach dem anderen - in Tiere. Die Sozialkritik, die diese Verwandlung beschreibt, ist nicht verborgen, sie liegt auf der Hand, trotzdem sind Feinheiten erst bei näherem Hinsehen erkennbar. Hier kommen die wunderbaren Illustrationen von Jorghi Poll ins Spiel, die die Statements des Textes anschaulich verdeutlichen. Arbeit und Lohn, Pflichterfüllung, Prioritäten setzen, dies sind die Themen, die Simon Sailer transportiert.

Ich muss sagen, dass es mir zum Schluss doch etwas zu surreal und regelrecht absurd wird, zu überbordend, damit konnte ich persönlich nicht viel anfangen. Dennoch ist es eine interessante Erzählung, die einiges Potenzial für Deutungen bietet. "Der Schrank" ist der dritte Teil der sogenannten "Essiggassen-Trilogie", die ähnlich zu sein scheinen und gleichsam verortet sind, aber völlig unabhängig voneinander gelesen werden können. Zum Verlag Die Edition Atelier wurde Mitte der 1980er Jahre gegründet und ist aus der viel beachteten kulturpolitischen Zeitschrift "Wiener Journal" erwachsen, die seit 1980 vom Schriftsteller und Politiker Jörg Mauthe veröffentlicht wurde. Zunächst produzierte der kleine Verlag, zu dessen Mitarbeitern neben Mauthe der Buchhändler Rainer Lendl und der Literaturwissenschaftler David Axmann gehörten, Bücher zur österreichischen Kultur- und Politikgeschichte. Im Jahr 2002 wurden Verlag und Zeitung von der Wiener Zeitung GmbH übernommen, 2011 trennte sich die Edition Atelier dann unter der Leitung von Jorghi Poll und Sarah Legler jedoch wieder und ist seitdem ein selbstständiger und unabhängiger Wiener Verlag. Zum Schwerpunkt gehört zeitgenössische Literatur aus Österreich und Deutschland, sowie Sachbücher zu literatur- und kulturtheoretischen Themen. Die Herausgabe von Literatur des 20. Jahrhunderts ist ebenfalls ein Bestandteil des Verlagsprogramms.

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