• Julia Moldenhauer

Einnehmend - Leise - Mysteriös

Aktualisiert: 2. Nov.



Zum Titel


Der Roman „Über die See“ von Mariette Navarro erschien erstmals 2021 unter dem Originaltitel „Ultramarins“. Die von Sophie Beese aus dem Französischen übersetzte Ausgabe erschien 2022 im Verlag Antje Kunstmann. Das Buch umfasst 157 Seiten, es ist ein Hardcover und trägt einen Schutzumschlag.


Zum Inhalt Eine hochangesehene Kapitänin und die zwanzigköpfige Besatzung eines Containerschiffes befinden sich auf dem offenen Meer auf ihrer vorgegebenen Route. Teils sind sie ein eingespieltes Team, teils sind diesmal neue Gesichter dabei. Die Stimmung ist ausgelassen und als gefragt wird, ob man nicht die Motoren stoppen, das Rettungsboot zu Wasser lassen und baden gehen könne, antwortet die sonst geradlinige junge Frau zu ihrer eigenen Überraschung: "Einverstanden". Diese impulsive Entscheidung setzt nach und nach eine Kette von unerklärlichen Empfindungen bei allen Crewmitgliedern und unerklärlichen Ereignissen an Bord des riesigen Schiffes in Gang, in deren Folge die Grenzen der Realität verschwimmen.

Rezension Es gibt Bücher, an die verliert man sein Herz schon nach wenigen Sätzen. ÜBER DIE SEE ist ein solches Buch. Bereits der Titel ist Poesie, man würde dahinter eher ein Gedicht vermuten. Dass die Autorin vor diesem Debütroman bereits Stücke und poetische Kurzprosa verfasst hat, hat mich in meinem Leseeindruck bestätigt. Navarro schreibt hier ebenfalls annähernd szenisch. Unterstützt wird der Eindruck durch Absätze, die eine Wirkung ähnlich einer anderen Kameraeinstellung erzeugen. Ebenso auffällig ist, dass sich nach und nach eine andere Stimme unter die Erzählung mischt, einem Flüstern gleich spricht sie aus dem Off, zur Kapitänin oder zu mir? Die Sprache ist ausschweifend, melodisch und atmosphärisch. Es ist ein Buch, das mit so wenig auskommt. Mit so wenigen Figuren, so wenig Handlung, so wenigen Effekte, so wenigen Seiten. Mariette Navarro hatte beim Schreiben wirklich alles im Griff, hat an alles gedacht, nichts wurde dem Zufall überlassen, so nonchalant die Sätze auch klingen. Und das beschreibt das Buch wohl am besten - leicht. Nicht überbordend oder ausufernd, das Mysteriöse bleibt undeutlich, ebenso alles Psychologische, die Geschichte driftet nicht ab. Wie hat die Autorin diese Gratwanderung nur geschafft und lässt es dabei so mühelos erscheinen? Wer nun ödes Geschwafel befürchtet - für das ich zugegebenermaßen gelegentlich ein Faible habe - mitnichten! Dieses Buch ist spannend, der Plot an mehreren Stellen verblüffend (aber ganz vorsichtig) und mit wunderbar humorvollen Dialogen raubeiniger Männer, und einer Frau, versehen, die zum einen in Kontrast zur sonst poetischen Sprache stehen und andererseits das Unheimliche etwas auflockern. Man mag sich zwischendurch ein bisschen gruseln, und doch war ich mir jederzeit sicher, dass nichts Schlimmes geschehen wird. ÜBER DIE SEE ist ein Buch, das keine Grenzen hat. Die Geschichte ist eine einzige Metapher. Kann etwas Wirklichkeit werden, weil ich es mir vorstelle? Kinder glauben noch daran, dass ihre Gedanken die Realität formen können. Erwachsene haben es verlernt. Ich könnte noch so viel erzählen, Interpretationsansätze darüber liefern, wieso keiner der Charaktere mit Namen genannt wird. Darüber, wieso... aber das sind die Fragen, die sich mir gestellt haben, die Antworten, die ich für mich gefunden habe. Entdeckt diese Geschichte am besten selbst.

Das Einzigartige ist nicht, wenn ein Buch schon auf der ersten Seite das Gefühl vermittelt, es enthalte eine ganz besondere Geschichte. Das Einzigartige ist, wenn am Ende der letzten Seite dieses Gefühl noch da ist. Zum Verlag Den Verlag Antje Kunstmann gibt es seit 1976, damals wurde er unter dem Namen Weismann Verlag gegründet. Als Mitbegründer Peter Weismann 1990 den Verlag verließ, orientierte man sich unter dem Namen der Verlegerin neu. Zu den Schwerpunkten des Programms gehören Belletristik, Sachbücher und eine kleine Anzahl Kinderbücher. Auch illustrierte Ausgaben sind mit der Zeit hinzugekommen. Mit etwa 45 Titeln von deutschsprachigen und internationalen Autorinnen und Autoren möchte der Verlag den „Publikumsgeschmack prägen“ anstatt Altbewährtes zu bieten. Auf die enge Zusammenarbeit mit den Schreibenden legt Antje Kunstmann großen Wert. Das Konzept ist persönlich und übersichtlich zu bleiben, den AutorInnen gegenüber ebenso wie Leserinnen und Lesern. Seit 2000 pflegt der Verlag außerdem ein sorgsam zusammengestelltes Hörbuch Programm mit bekannten Stimmen wie Axel Milberg und Mario Adorf.

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