• Julia Moldenhauer

Bedrückend - Wahr - Hintergründig



Zum Titel


Der Roman „Doktor Hirschfelds Patient“ von Nicolas Verdan wurde 2011 erstmals unter dem Titel „Le Patient du docteur Hirschfeld“ veröffentlicht. Die Übersetzung aus dem Französischen von Hilde Fieguth erschien 2022 im Schweizer verlag die brotsuppe. Das Buch umfasst 275 Seiten, worin ein Nachwort des Autors enthalten ist.

Besonders hervorzuheben ist das mit geometrischen Figuren gestaltete Hardcover, passend dazu das grüne Lesebändchen und schwarzes Vorsatzpapier.

Das Buch hat mir der Verlag als Leseexemplar zur Verfügung gestellt.


Zum Inhalt Nachdem Doktor Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft im zweiten Weltkrieg aufgelöst, nein zerstört wurde, bleibt seine hochbrisante Patientenliste verschollen. Darin enthalten sind umfangreiche Aufzeichnung über seine homosexuellen, transsexuellen und pathologisch triebgesteuerten Patienten, denen er Arzt, Therapeut und Seelsorger war. Die Jagd auf die Dokumente beginnt, denn ranghohe SS-Angehörige wissen um ihren Namen in diesen Papieren. Hirschfelds Anwalt Karl Fein soll viele Jahre später dem Mossad bei der Suche helfen, denn in der Akte vermutet man Hinweise zur Identität eines der letzten geflohenen deutschen Kriegsverbrecher - der eine auffällige Verhaltensstörung aufweist… Rezension Das Ausmaß der Abwertung von homosexuellen, transsexuellen oder transidenten Menschen unter dem totalitären Regime des Nationalsozialismus ist mir bisher nicht in dieser Deutlichkeit bewusst gewesen. Die Bedeutung des Instituts für Sexualwissenschaft, die Rolle Magnus Hirschfelds, der Paragraf 175, das alles wird in diesem Roman verpackt, der zu einigen Teilen fiktional sein mag, aber dem eine Wahrheit und Wirklichkeit innewohnt, die mich zum einen sehr interessiert und begeistert das Buch lesen ließ, mich zum anderen bedrückt und traurig gemacht hat. Die Idee, die damaligen Ereignisse aus Sicht der Patienten zu betrachten, lässt alles sehr lebendig und persönlich wirken. Der Plot und die Perspektiven sind vielseitig. Fiktive - aber absolut authentische - Charaktere bringen Leben in die historisch belegten Fakten. Was für eine erstaunliche Geschichte hat Nicolas Verdan hier gewebt. Er jongliert glaubhaft mit den verschiedensten Emotionen und vermittelt mir anschaulich die Abgründe, die Zerrissenenheit und Verzweiflung seiner Figuren. Ein gelungener Aspekt ist auch die späte Rückkehr des nach Palästina verbrachten Karl Fein in das geteilte Berlin, wo er entwurzelt und orientierungslos bleibt. Verdans Sprache ist nicht blumig oder melodisch, die Poesie liegt in der Nacktheit der Seelen in diesem Roman. Teils schreckliche Szenen spielen sich ab, die mittels sachlicher Schilderung fast noch furchtbarer wirken.


Es ist ein absolut empfehlenswertes Buch, sehr dicht, realistisch und beklemmend, in seiner Perspektive wohl einzigartig. Ich hoffe, dass die deutsche Übersetzung zum Andenken Magnus Hirschfelds beiträgt, der mir bisher kein Begriff war.

Hintergrund Ich beschäftige mich selten vor der Lektüre mit dem Inhalt oder historischen Zusammenhängen, manchmal lese ich nicht mal richtig den Klappentext, weil es bei Titel oder Cover schon um mich geschehen war. Erst beim Lesen fange ich dann an zu recherchieren und wusste also bald, Doktor Hirschfeld hat es wirklich gegeben. Da es aber im Buch ja nicht ausschließlich um ihn geht, war mir das zunächst genug - bis ich in unserer Buchhandlung das Sachbuch "Der Liebe und dem Leid: Das Institut für Sexualwissenschaft 1919-1933" von Rainer Herrn in der Hand hielt (wir sind echt ein unglaublich gut sortierter Laden!). Da begann ich, mich eingehender zu belesen. Magnus Hirschfeld (1868-1935) war ein deutscher Arzt und Sexualwissenschaftler. Vor allem aber war er ein Pionier, der für Entstigmatisierung aller sexuellen Vorkommnisse und Vorlieben kämpfte. Homosexualität galt damals als infektiös und vererbbar, rechtlich galten gleichgeschlechtliche Beziehungen als widernatürliche Beziehungen. Themen wie Empfängnisverhütung, Sterilisation und die Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten waren Tabu oder gar strafbar. 1897 gründete er gemeinsam mit Max Spohr, Eduard Oberg und Franz Joseph von Bülow das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK). Es war die weltweit erste Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hatte, sexuelle Handlungen zwischen Männern zu entkriminalisieren. Neben vielen anderen Tätigkeiten veröffentlichte Hirschfeld 1910 seine bedeutende Forschungsarbeit "Die Transvestiten: Eine Untersuchung über den erotischen Verkleidungstrieb" und prägte damit für Personen, die Kleidung des anderen Geschlechts tragen, den Begriff Transvestit. Er sprach schon damals vom "dritten Geschlecht" und "Zwischenstufen", rund 100 Jahre bevor die Bezeichnung "divers" anerkannt wurde. 1918 richtete er die Dr. Magnus-Hirschfeld-Stiftung ein, der ein Jahr später die weltweit erste Einrichtung für Sexualforschung folgte, das von ihm geleitete Institut für Sexualwissenschaft in Berlin. 1921 fand dort die "Erste internationale Tagung für Sexualreform auf sexualwissenschaftlicher Grundlage“ statt, an der namhafte Sexualwissenschaftler teilnahmen. Hirschfeld war - als Jude und als Wissenschaftler - ein besonderes Feindbild für die Nationalsozialisten, so dass er 1931 Deutschland verließ und Vorträge in den Vereinigten Staaten, Nordamerika, Asien und dem Orient hielt. Nachdem 1933 sein Institut für Sexualwissenschaft durch die Nationalsozialisten geschlossen wurde und kurz darauf von Studenten der Deutschen Hochschule für Leibesübungen, Funktionären und Mitgliedern der NS-Organisation Deutsche Studentenschaft geplündert und zerstört wurde, kehrte er nicht zurück und starb schließlich 1935 in Frankreich. Seine letzte Arbeit war eine Widerlegung der Rassentheorie, die erst posthum 1938 in englischer Übersetzung unter dem Titel "Racism" veröffentlicht wurde. Als einer der ersten nutzte Hirschfeld für seine Analyse den neu definierten Begriff RASSISMUS. Dem Konzept der „Rasse“ widersprach Hirschfeld wissenschaftlich und empfahl die Streichung dieses Ausdrucks zum Einteilen der menschlichen Spezies. Im Berliner Lokal „Eldorado“, in dem auch ‚Damenimitatoren‘ auftraten, war Hirschfeld wohlbekannt und wurde „Tante Magnesia“ genannt. Ob er selbst Transvestit gewesen ist, bleibt bis heute unklar. Seine Homosexualität ist hingegen kein Geheimnis. Er war zudem Mitwirkender im ersten Schwulenfilm der Filmgeschichte, "Anders als die Andern" von Richard Oswald. 2011 wurde die "Bundesstiftung Magnus Hirschfeld" gegründet, die sich im Namen der Bundesregierung für Gleichberechtigung und Akzeptanz von homosexuellen und transidenten Menschen einsetzt. Sein Lebenswerk umfasst weit über 30 Publikationen, darunter Fach- und Lehrbücher, Gutachten, Aufsätze in Zeitschriften und vieles mehr. Ich war erstaunt, wie viel davon auch heute noch zugänglich ist. Einiges an Literatur wurde zwischenzeitlich neu herausgegeben und ist im Handel erhältlich.

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